Generationswechsel in der Schreibwerkstatt: Briefe an die jungen Autorinnen der zweiten Runde

Nach zwei poesieerfüllten und ereignisreichen Jahren ist es für die erste Gruppe der Werkstatt für junge Autorinnen und Autoren Zeit, Abschied zu nehmen. Schweren Herzens müssen sich die 11 Mitglieder der Schreibwerkstatt nun von Schloss Blutenburg und den regelmäßigen Treffen mit Beate Schäfer verabschieden und Platz machen für den Nachwuchs. Als Willkommensgruß gab es für die neuen Mitglieder Briefe, in denen Lust und Mut gemacht wurde für die Zeit in der Werkstatt für junge Autorinnen und Autoren. Exemplarisch gibt es hier zwei dieser Briefe zu lesen:

Lieber Nachfolger, Nach-Schriftstellerfanatiker, Nach-Kreativling,

du hast es geschafft. Du hast es in die mit Abstand schönste und beste Autorenwerkstatt geschafft, die es gibt – Glückwunsch!

Ich nehme mal schwer an, du liebst das Schreiben genauso sehr wie ich. Für dich ist es nicht nur „schreiben“. Für dich ist es: neue Welten erschaffen und gleichzeitig erkunden; neue Wesen kennen- und lieben lernen; Ruhe und Zufriedenheit zwischen Buchstaben finden und vieles mehr. Du wirst wissen, was ich meine. Und ich kann dir sagen: Hier findest du alles Weitere, was du dazu brauchst. An erster Stelle natürlich Beate.Sie ist eine so liebenswerte Frau und kann dir bei so vielem helfen, gibt dir Zuspruch und Motivation, wenn du’s am meisten brauchst. Beate kannst du wirklich alles anvertrauen, auch wenn’s ein Problem gibt. Mit dieser Gruppe hab ich damals endlich einen Ort gefunden, wo ich meine Kreativität nur so sprudeln lassen kann – das solltest du auch tun! Stell deine Projekte vor, egal ob Roman, Kurzgeschichte, Gedicht oder anderes, nutze jede Gelegenheit und nimm Rat an (wenn er konstruktiv ist!). Lass dir deine Lieblingsstellen (o.a.), wenn du sie so perfekt findest, nicht ausreden. Du kannst es nicht jedem Rrecht machen. Und zu guter Letzt noch ein sehr schönes Zitat, das mich immer wieder motiviert hat:

„Lass dich nicht davon abbringen, was du unbedingt tun willst. Wenn Liebe und Inspiration vorhanden sind, kann es nicht schiefgehen!“ ~ Ella Fitzgerald

Nun wünsche ich dir viel Spaß in deiner neuen „Schreib-Familie“. Ich hoffe, du genießt es genauso, wie ich es genossen habe.

Liebe Grüße deine Vorgängerin

Franzi/Pandaly


I open the door up myself
Wenn du schreibst, dann lass es sein wie ein aufgestautes Niesen, das platzt, oder wie das Bröseln von Haferflocken, erst staubig am Kehlkopf und dann klebrig, bis du es nicht mehr wegkriegst, das Schreiben. Oder ganz anders. Manche sagen, du musst etwas zu sagen haben. Was habe ich schon zu sagen? Ich sage, neue Bildbrücken bauen. Jemandem eine Perspektive schenken von einer Sache, die er schon tausendmal gesehen hat, aber noch nie wahrgenommen auf diese Weise. Es muss nicht aufgeschwollen sein und erwachsen, was du erzählst, was ist schon erwachsen, es kann auch ganz still sein und schlicht. Eine Balance finden zwischen viel und wenig. Rote Schuhe auf der Straße wie ein ausgesetzter Hund. Zahnkerben im Mundstück. Ein Fußballdfeld, zwei Stühle, der Geruch nach Schlafsack. Buchstabenobst auf Aquamarin. Das Ausloten von Figurentiefen, ein Stochern im Schlick. Das getrocknete Seepferdchen in deinem Setzkasten, das auch nur eine Leiche ist von vielen. Skalpell ansetzen. Dann, eine Geschichte. Und du tastest sie ab, diese Geschichte, und du spürst den Abgrund dahinter und überall, dann ist man lebendig.
Und Textwerkstatt kann ein Wort mit Flügeln werden für dich, das Ausschwärmen heißt und Wachsein, Synchronniesen und Brüten, bis etwas schlüpft, oder auch etwas ganz anderes, und die Synapsen verzwirbeln sich, bis du schreiben musst, um wieder zu sortieren. Aus der S-Bahn willst du nicht aussteigen und nicht schlafen diese Nacht, weil es sonst weg ist am Morgen. In solchen Abenden geht es trotzdem nicht leicht, weil es meistens nicht leicht geht. Abstand ist wichtig. Darum das Konservieren. Beate sagt, Kompostieren. Würmer, die eine Geschichte umwühlen, Nährstoffverarbeitung. Ich mag dieses Bild.
Jeder geschriebene Satz ist wertvoll. Es geht ums Weitergehen. Manchmal überschlägt man sich dabei, aber darum geht es, ums Überschlagen, Rückenlage, ein Hochspringer. Die ersten Meter gehen leicht. Später dann nicht mehr, dann bleibt man hängen mit dem Kopf oder der Schulter und die Hände sind verbrannt vom Blau der Matte. Es oszilliert. Du spürst das Extrem. Man könnte fallen. Vielleicht bist du ja kein Hochspringer, sondern Literat, aber das ist genau das gleiche, weil der Mensch das braucht, die Ziele und das Nichtaufgeben und das Fallenkönnen. Ihr habt Glück, ihr seid viele. Macht euch Räuberleitern gegenseitig, dann ist es gar nicht mehr so hoch.
Und die Aufgaben können sein wie ein Stacheldraht oder Obstsalat, wie ein Sisyphosstein oder ein Köder. Es ist schön, ihnen zu folgen, und vielleicht führen sie dich irgendwo hin, wo du von allein nie hingekommen wärst.

I open the door up myself. Das ist ein Gemälde oder auch nicht, das hängt in der Neuen Pinakothek. Ich wollte immer eine Geschichte darüber schreiben, weil ich es schade finde, dass es niemand kennt. Ich kenne es selber nicht, vielleicht kennst du es. Es ist eine Möglichkeit. Das Wollen ein Schlüssel. Farbenmischen, den Zufall auskalkulieren, die Türklinke. Es gibt viel, was man finden kann, wenn man etwas ganz anderes sucht.
Augen offen. Anlauf nehmen.
Sophia

Schreibwerkstatt_Gruppe2

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