Von Pfefferminzatem und kinsternden Tickets

Was passiert eigentlich in unserer Werkstatt für junge Autorinnen? Davon wollen wir euch hier immer wieder Einblicke und Beispiele geben – heute mit zwei Texten, die bei dem dritten Treffen der neuen Gruppe entstanden. Dabei ging es um Geräusche und Gerüche, um das Schreiben als Wahrnehmungsschule und darum, dass besondere Sinneseindrücke Geschichten oft stärker machen.

Marianne Westenthanner

Sonntagmorgen in Antibes

Stehe am Fenster, die Augen geschlossen, atme tief ein. Hier riecht es so anders als zu Hause und doch auf diese seltsame Art vertraut. Auspuffgase und Kerosin überdecken kaum die Brise vom Meer, die schwer und salzgetränkt die Wolken hereintreibt. Wie seltsam, dass ich all diese Erinnerungen in der Luft spüre, diese Vertrautheit, und für dich ist das alles vollkommen fremd. Du trittst hinter mich, schaust mir beim Aufwachen zu und ich merke es, noch bevor ich deine Schritte höre. Der kalte Rauch von gestern, er muss noch in deinem Hemd hängen, zusammen mit der leisen Ahnung von Cuba Libre. Dein Aftershave weht mich an, erinnert an alte Zeiten, verdeckt fast komplett deinen Geruch. Grashalme. Motoröl. Bittermandel. Nur ganz schwach, aber er ist da. Pfefferminzatem streicht mir übers Gesicht, als dein flüchtiger Kuss meinen Mundwinkel streift. Sonnencreme auf deiner Haut, ein seltsamer Kontrast. Und dann endlich, Kaffeeduft. Du rettest mir das Leben, mal wieder, sage ich, und du lachst, sanft und leise. Wie eine Meeresbrise.

Marianne Westenthanner

Marianne Westenthanner

Alina Kordick

Geräuschkulisse

Sie schließt die Augen und hört dem Leben um sich herum zu. Der Fahrkartenautomat surrt hinter ihr, die Klappe schlägt zurück, als jemand das Ticket entnimmt. Klimperndes Wechselgeld und Schritte, die sich entfernen. Die Frau neben ihr auf der Bank niest, und sie hört das leise Rascheln der Zeitung, als die Frau sie zusammenfaltet und aufsteht. Quietschende Bremsen, ein Zug fährt ein, Türen öffnen sich. Wortfetzen verschiedener Sprachen, fremd klingende Fragen, unsichere Antworten. Koffer, die über Steinfliesen gezogen werden. Durchsagen, ein anderer Zug hat Verspätung, genervtes Schnauben als Antwort von ihr. Sie hört nur zu. Ihr Ticket knistert leise, als sie es in ihrer Hand zusammenknüllt und gleich darauf doch wieder glatt streicht, doch es kommt ihr viel lauter vor. Sie ist unsicher. Zwei Männer fangen an, sich neben ihr zu unterhalten, über ihre Reisen, Städte, deren Namen nach weit entfernten, unerreichbaren Orten klingen, ihre Stimmen sind kratzig. Sie versucht, die Geräusche auszublenden, sie ist müde, sie hat Kopfschmerzen. Sie sitzen direkt hinter ihr, doch sie kann ihre Worte nicht verstehen. Sie hört nur Rauschen. Wie der Wind bei einem Sturm, der jedes Geräusch und jedes Wort verschluckt, sie hört nur ihre Gedanken, die ihr viel zu laut erscheinen, sich miteinander verknoten, verheddern, der Sturm wirbelt in ihrem Kopf. Verzerrte Stimmen, die Geräusche verschwimmen miteinander, sie hält sich die Ohren zu. Sie öffnet die Augen, als helles, klares Kinderlachen den Sturm durchbricht. Sie sieht auf und beobachtet zwei kleine Mädchen, die auf eine junge Frau zu rennen, die ihre Arme ausgebreitet hat. Sie lächelt. Ihr Zug fährt gleich ab.

Alina Kordick

Alina Kordick

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