Von der Schlaflosigkeit ins Nirvana

Schlaflose Nächte kennt jeder. Aber warum kann jemand nicht schlafen? Wie fühlt sich der- oder diejenige dabei? Vor allem: Wie lässt sich das eindringlich schildern? Zum Thema der letzten Aufgabe in der Werkstatt für junge Autorinnen und Autoren schrieb Clara Vornholt „Supernova“ – eine rasante und eigenwillige Geschichte, die wir hier vorstellen.

Clara Vornholt

Supernova

Draußen geht die Sonne auf. Die Erde braucht nach mittleren Werten 23 Stunden, 56 Minuten und 4,1 Sekunden, um sich einmal um die eigene Achse zu drehen. Die Menschen, lediglich kleine Punkte auf einer riesigen Kugel, bewegen sich vermeintlich frei, können jedoch gegen die Erdrotation nichts ausrichten. Komisch, dass ihnen gar nicht schwindelig wird. Nuria wird sogar auf einem Kinderkarussell so schlecht, dass sie brechen muss. Sie wohnt auf dem Teil der Erde, der sich gerade zur Sonne hin dreht. Es ist offiziell noch dunkel, aber sie liegt da, und weiß von dem heranschleichenden Licht. Sie kann mit aller Sicherheit sagen, dass es kommen und sich verbreiten wird, in ihrem Land, in ihrer Stadt, in dem Zimmer, in dem sie liegt.

Nurias Körper fühlt sich auch an wie ein verglühender Stern. Sie fühlt sich wie eine heiße, zerlaufende Masse, die dampft und sich nichts sehnlicher wünscht, als zu Staub zu werden. Wenn ein riesiger Stern explodiert, dann entsteht ein schwarzes Loch. Ab ins Nirvana, denkt sie heimlich und schiebt ihre Hand unter das Kopfkissen. Die Augen sind geschlossen, dennoch sieht Nuria auf der schwarzen Oberfläche nichtexistente Feuerwerke, Farben und Formen, Lichtpunkte der Müdigkeit. Sie will sich umdrehen, aber da ist ein Widerstand neben ihr. Sie ist eingefangen wie eine Sardelle in der Dose, da liegen zwei warme Körper rechts und links. Ihre Gedanken schwimmen mühselig gegen die Strömung des Schlafs an, und langsam fallen ihr zwei Namen ein. Erik und Zilli. Warum eigentlich Zilli, woher kommt das? Vielleicht ein Heimatort oder ein Nachname?

Nuria kommt zur Ruhe. Es ist, als würde sich das gesamte Tagesgewicht von ihrer Wirbelsäule lösen, jede Sorge ist vergessen. Ein paar Gedankenblitze fahren schläfrig durch die Welt. Wie viele Stunden ist sie heute gelaufen? Fünf oder sieben? Sonst ist sie nie so lange unterwegs, vor allem nicht in so einer weiten Stadt. Die Gedanken, die eigentlich Nervenströme sind, verlangsamen. Sie driftet ab, in eine andere Ebene, ihr fällt das Wort Halbschlaf nicht einmal ein. Warum auch.

„Tanzen, tanzen, tanzen!“, kreischt eine Stimme dämonisch. Eine Verwirrung mischt sich in ihren verträumten Kopf. Sollte man das verstehen? „Tanzen, tanzen, tanzen!“ Es ist Anjas Stimme. Etwas schwankt, das ist das Bett, Nuria fühlt sich, als wäre sie zu schnell hin und her geschubst worden. Die Augen kleben zusammen. „Tanzen!“ Fersen poltern dumpf auf Parkettboden. Ein Rascheln erfüllt den stickigen Raum. Was ist los? Ihr Gehirn arbeitet sehr, sehr langsam. Die Lider kleben etwas zusammen, dann sieht Nuria den Umriss eines kantigen Gesichts. Ein paar Buchstaben materialisieren sich in der Dunkelheit, da steht Erik. Er riecht nach Schweiß und ein bisschen nach Chips. Hoffentlich behält er seine fettigen Finger bei sich selbst. Sein Profil dreht sich weg und er richtet sich neben ihr auf. Sie fühlt sich wie gelähmt, es rauscht in den Ohren. Eingepackt in Watte. Paralysiert. „Tanzen!“, schallt es schrill. Es zuckt in der Luft. Plötzlich gesellen sich tiefe Basstöne in das schwerfällige, klebrige Sein. Es wummert so laut, dass eine Bewegung durch alle Gehörgänge in ihrem Körper fließt wie Strom. Nuria spürt die Töne, bevor sie sie richtig hören kann. Das Bett federt unter ihr, dann ist da wieder das: „Tanzen, tanzen!“, diesmal in einem passenden Rhythmus. Die Stimme, die da so quälend kreischt, das ist Anjas Stimme. Anja, ihre beste Freundin. Sie liegt dort, ganz nah, hinter Erik im Bett, und ist doch ganz weit weg. Ihr Gesicht schimmert weiß in der Dunkelheit. Geist. Das ist ihr Zimmer hier, und ihr Bett, und ihre Musik. Überhaupt ist das alles ihre Idee. Es pulsiert heftig in Nurias Körper, schmerzende Musik pocht durch die Adern. Elektro, Techno, Dubstep oder Heavy Metal? Eigentlich auch egal. Das Bett fängt an zu schaukeln und Anja singt. Sie fuchtelt mit den Armen in der Luft, sie wälzt sich und sie tanzt. Plötzlich kratzt eine Stimme durch den Raum. „Cool, dass du so laut machen kannst.“ Das war Erik. Seine Augen sind feuerrot, das weiß Nuria trotz der Schwärze, die sie umgibt. Der Typ auf ihrer rechten Seite wälzt sich herum. „Ja, fetzt richtig!“, schnarrt Zilli-Tenor. Alles dampft, alles ist heiß, der Bass dröhnt in ihren Ohren alles andere kaputt. Sie will nur schlafen. Nuria spürt ein dumpfes Gefühl in ihrem Bauch aufsteigen, für das sie keinen Namen weiß. Warum liegt sie eigentlich mit zwei Jungen im Bett, die sie kaum kennt?

Rückblick: Anja sagt zu ihnen: „Hey, ihr könnt echt bei mir schlafen, wenn ihr wollt.“ Ein paar Straßenlaternen erhellen die Sommernacht. In dem Licht hat sie tiefe Augenringe und noch hellere Haare. Sie ist wie Stadt, in der sie sind. Sie erfindet ihre eigenen Regeln.

Nuria schläft nur für ein paar Tage hier, sie ist Gast. Sie versucht, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu leiten, wird jedoch abgelenkt. Die Musik zersägt laut die Stille. Das Bett wackelt, jetzt tanzen auch noch Erik und Zilli, im Liegen. Die Füße schleifen immer wieder die Bettdecke hin und her, über Nurias Haut. Die Augen tränen. Ihr ist schlecht, und im Kopf wummert es nur, sodass sie gar nicht mehr bei klarem Bewusstsein ist. Lichtpunkte rasen vor ihrem inneren Auge, alles ist ganz lila. Dann klackt es, und ganz nah bei ihrem Gesicht flammt ein Feuer auf. Es erlischt wieder, aber in dem Schwarzen bleibt ein Glutpunkt zurück. Ihr Herz rast. Warum muss Erik rauchen? Der Rauch wabert durch das Zimmer wie eine dunkle Befürchtung und brennt ihr noch mehr in den Augen. Können sich nicht ein paar Eltern oder Nachbarn beschweren? Sie will nicht die Spielverderberin sein. Nuria dreht sich um und drückt ihr Gesicht ganz fest in das weiche Kissen. Es umgibt sie so himmlisch und einfach. Trotzdem hört sie jeden einzelnen fiesen Ton. Den ganzen Tag gelaufen, die ganze Nacht getanzt. Alkohol und andere Sachen. Und jetzt Folter? Sie will doch einfach nur schlafen. Die Musik erinnert an reißende Kettensägen, an Fingernagelkratzen über eine Tafel. Alles dreht sich. Langatmige Akkorde untermalen das Wummern und Kreischen. Sie verfrachten Nuria in eine andere Dimension. Die Dimension eines Rauschs, eines schrägen Traums, einer Fantasiewelt. Alles vibriert. „Können wir bitte die Musik ausmachen?“, fragt Nurias Stimme zittrig in den Raum hinein. „Nein, du Spielverderberin. Tanz doch einfach, und hab Spaß mit uns!“, ruft Anja über das Getöse hinweg. Ihre Stimme ist spitz und duldet keinen Widerspruch. Es raucht, rauscht, dröhnt und schmerzt. Nuria will an einem anderen Ort sein. „Hilfe“, haucht ihr Unterbewusstsein. Sollte sie ins Wohnzimmer gehen? „Lust auf ein Bier?“ Zillis Mund ist auf einmal erschreckend nah an ihrem Ohr. Sie spürt den Atem auf der Haut. Sie zuckt zusammen. „Nein!“ Nurias Stimme klingt fast so, als hätte sie sie aus Versehen herunter fallen lassen. Einfach nur in Ruhe gelassen werden. Schlaf. Ganz leicht zu buchstabieren. Draußen geht schon die Sonne auf. Ein Grau mischt sich in die Nacht. Bald ist es hell, und dann kann sie nicht schlafen. Dann ist es zu spät. „Ich explodiere!“, denkt sie. Supernova.

Clara Vornholt

Clara Vornholt

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