Sätze und Gegenstände, die den Kopf zum Schwingen bringen

Ein Zebra aus Holz, ein glitzernder Tropfen aus Glas, eine Schachtel Buntstifte: Gegenstände bringen im Kopf etwas zum Schwingen und setzen Geschichten in Gang. Auch Kunst kann zum Schreiben inspirieren, die von Louise Bourgeois zum Beispiel: Unter dem Titel „I give everything away“ hat sie einen Bilderzyklus mit kurzen Einzelsätzen gemacht, die ein guter Schreibanstoß sind.
Geschichten, die aus diesen Anregungen entstanden sind, wurden beim letzten Treffen der Schreibwerkstatt vorgelesen. Lara Mattuschat hat den Satz „I distance myself from myself“ von Louise Bourgeois als Ausgangspunkt genommen. Carolin Bartsch ließ sich von der Hundemarke ihrer Hündin Hope leiten.

Lara Mattuschat

I distance myself from myself

8:37
Ein leises Klappern im Badezimmer. Eva fährt aus dem Schlaf hoch. Sie ist sofort hellwach. Mit ruhigen Fingern tastet sie nach der Pistole unter ihrem Kopfkissen. Sie ist nicht dort. Eva beißt sich wütend auf die Lippe. Schon wieder! Die Pistole ist schon wieder weg. Das passierte in den letzten Monaten öfter. Bisher hat sie sie immer wiedergefunden. Doch dafür ist jetzt keine Zeit. Jemand ist in ihre Wohnung eingedrungen, da ist sie sich sicher. Vorsichtig, um kein verräterisches Geräusch zu machen, schwingt sie die Beine aus dem Bett. Ein hellrosa Seidennachthemd umspielt ihre Beine. Scheußlich! Sie kann sich nicht erinnern, diesen Fummel gestern Abend angezogen zu haben. Geschweige denn etwas so Überflüssiges wie ein Nachthemd überhaupt gekauft zu haben. Egal! Auf Zehenspitzen schleicht sie in die Küche. Der Körper, den die etwa vierzigjährige Frau trotz oder gerade wegen ihres Alters jeden Tag trainiert, ist angespannt. Mit erzwungener Ruhe zieht Eva eine Schublade auf und nimmt ein langes, scharfes Messer heraus. Das muss reichen. Mit dem Rücken presst sie sich gegen die Wand neben der Küchentür, als Schritte auf dem Flur laut werden. Nervös streicht sie sich die langen blonden Haare aus dem Gesicht. Mit einem leisen Ächzen gibt die Türklinke unter einem von außen kommenden Druck nach. Als die Tür sich öffnet, wirbelt Eva herum.
„Keine Bewegung“, zischt sie.
„Mama?“ fragt ein ihr unbekanntes kleines Mädchen mit einem Teddy auf dem Arm.

13:04
Mit einem Seufzen lässt sich Helena auf eine Parkbank fallen. Derart lange Spaziergänge strengen die alte Dame immer mehr an. Mit zittrigen Händen streicht sie sich eine Strähne zurück, die aus ihrer grünen Mütze, die sie trotz des milden Frühherbsttages trägt, gerutscht ist. Die Strähne ist blond. Ihr ganzes Haar ist blond, trotz der 77 Jahre, die Helena nun schon in dieser Welt weilt. Vielleicht haben die Haare einfach vergessen, dass sie mit zunehmendem Alter grau werden sollten. Vielleicht haben sie es ebenso vergessen, wie die alte Frau vergessen hat, Gefühle zu fühlen. Seit ewigen Jahren schon hat sie keine nennenswerte Gefühlsregung mehr verspürt. Vielleicht auch erst seit einigen Monaten. Ihr Gefühl für Zeit ist ihr gleichzeitig mit dem Verlust der anderen Gefühle abhanden gekommen. Mit Händen, die aussehen wie welkende Blätter, zieht sie ein langes, scharfes Küchenmesser aus ihrer roten Lackhandtasche. Fast schon andächtig schiebt sie den Ärmel ihres bittergrauen Mantels hoch. Ihr Arm ist übersät mit blassen, schillernden Narben, die sich wie unzählige Würmer über ihren Arm winden. Liebevoll setzt sie das Messer an einer Stelle an ihrem Oberarm an und zieht die schneidend kalte Klinge über ihre bloße Haut. Ein köstlicher Schmerz durchfährt sie, pulst ausgehend von dem Schnitt in ihrem Arm durch ihren ganzen Körper. Schmerz. Eines der wenigen Gefühle, die sie noch empfinden kann, während sie in ihrer trauten Einsamkeit dahinsiecht. Ein Lächeln legt sich auf ihre sonst zusammengepressten Lippen, als sie einen weiteren Schnitt in ihre Armbeuge macht. Im Hintergrund hört man das Keckern spielender Eichhörnchen.

17:52
Routiniert zieht Marius aus der roten Handtasche, die er irgendwann einmal einer alten Frau gestohlen hat, ein langes Küchenmesser und zerdrückt mit der flachen Seite des Messers die beiden Tabletten, die vor ihm auf einer Parkbank liegen. Vorsichtig, um keinen der wertvollen Krümel zu verschütten, schiebt er das Ergebnis in einen billigen Plastikbecher aus einem dieser kostenlosen Wasserspender in Drogeriemärkten. Gegen den bitteren Geschmack gießt er noch einen Schuss Cola dazu. Die Light Version. Leider. Sie hatten keine andere mehr im Supermarkt. Egal, nur runter damit!
Seine unpraktisch langen blonden Haare fallen ihm ins Gesicht. Er sollte sie mal schneiden lassen. Vielleicht. Irgendwann. Gierig kippt er sich das Gemisch in den weit aufgerissenen Mund. Als er schluckt, wird ihm leicht schwindelig. Er legt sich auf die Bank und wartet darauf, dass die Welt aufhört sich zu drehen und sich die quälenden, meist um sexuelle Dinge drehenden Gedanken eines pubertierenden Fünfzehnjährigen in einem Farbwirbel auflösen. Er betrachtet den Ansatz von Brüsten, die sich auf seinem Oberkörper wölben. Früher waren sie ihm peinlich gewesen und er hatte ihnen die Schuld an seinem ausbleibenden Erfolg bei Mädchen gegeben. Inzwischen ist ihm alles egal, solange er nur regelmäßig seine Tabletten bekommt. In diesem Moment trifft ihn die Wirkung des Pillencocktails mit voller Wucht. Die Welt explodiert in unglaublichen Farben. Euphorisch springt er von der Bank auf. Taumelt über eine Wiese, die plötzlich von rosaroten und hellvioletten Blüten bedeckt ist. Taumelt auf ein helles Licht zu, das er am Horizont zu erkennen glaubt.

21:28
Keuchend erwache ich auf dem Bürgersteig einer wenig befahrenen Brücke. Mit Entsetzen erkenne ich, dass ich nicht die geringste Ahnung habe, wie ich hierhergekommen bin. Ich habe generell keinerlei Erinnerungen mehr an meinen Tag. Dies ist das erste Mal, dass die anderen mir einen ganzen Tag gestohlen haben. Angeekelt bemerke ich, dass ich in meinem eigenen Erbrochenen zu liegen scheine, und springe auf, auch wenn sich die Welt dadurch rasend schnell zu drehen beginnt. Mit den Fingern klaube ich einige undefinierbare Brocken aus meinen blonden Haaren. Die Bewegung meines Armes schmerzt. Hastig schiebe ich den Ärmel meines Mantels nach oben. Tatsächlich. Drei dunkelrote, verkrustete Schnitte zieren meinen Arm. Eine von den anderen muss die Angewohnheit haben, sich selbst zu verletzen. Ich hätte so etwas niemals gemacht! Verzweifelt stöhne ich auf. Was haben sie an diesem Tag noch mit mir gemacht?

Aus meiner roten Handtasche ziehe ich mein Handy. Samstag, der 30. Oktober, steht auf der Datumsanzeige. Heute ist meine Diagnose genau ein Jahr her. Multiple Persönlichkeitsstörung. Das heißt, mein Körper gehört nicht alleine mehr mir, sondern ich muss ihn mit anderen Persönlichkeiten teilen, die sich von meiner eigenen abgespalten haben. Mein Handy zeigt mir außerdem einen verpassten Anruf an. Ich klicke darauf. „Guten Morgen, Lily“, teilt mir die Mailbox mit, „Ich wollte dir nur sagen, dass deine kleine Tochter bei mir ist. Sie kam heute Morgen völlig aufgelöst zu mir und sagt, du hättest sie mit einem Messer bedroht. Ich werde jetzt das Jugendamt einschalten und Mathilda so lange bei mir behalten, bis etwas unternommen wird.“ Die Stimme kommt mir leicht bekannt vor. Ich halte ihre Besitzerin für eine Nachbarin aus dem Mietshaus, in dem wir wohnen. Mathilda! Das Einzige auf dieser Welt, das mir etwas bedeutet. Sie war ein Unfall, wie alles in meinem Leben, aber dennoch ist meine Tochter das Beste, was mir je passiert ist. Und ausgerechnet sie soll ich mit einem Messer bedroht haben? Die Gedanken fahren in meinem Kopf Karussell. Habe ich sie verletzt? Hat sie jetzt für immer Angst vor mir? Ich hätte sie umbringen können! Ich schreie auf und habe plötzlich Angst vor mir selbst. Es macht keinen Unterschied, dass ich nicht wirklich dabei war, es war trotzdem ihre Mutter, die Mathilda vor sich sah. Ich presse mir die Fingernägel in die Handflächen, bis Blut hervortritt, und brülle mir vor Verzweiflung und Wut die Seele aus dem Leib. Das bin doch nicht mehr ich! Ich entferne mich immer mehr von mir selbst! Ich verliere mich selbst! Und mit einem Mal ist mir völlig klar, was ich tun muss, um endlich frei zu sein. Mit beiden Händen umklammere ich das Geländer der Brücke und starre in das dunkle Wasser weit unter mir. Es scheint nach mir zu rufen. Ich schwinge ein Bein über die Brüstung. Noch bevor ich weiß, dass ich wirklich springen werde, falle ich auch schon. In dem kurzen unendlich langen Moment, den ich in die Tiefe stürze, bin ich zum ersten Mal seit Langem glücklich. Mein Name ist Lily Bader, ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und ich bin…

Lara und Carla

Lara und Carla

Carolin Bartsch

HOPE
Heute war für die meisten Hunde auf der Welt wahrscheinlich ein Tag, wie jeder andere. Sie waren draußen, haben gespielt und Zuhause dann ihr Futter bekommen. Eigentlich war für mich auch so ein Tag, aber mein Frauchen hat mir heute etwas neues mitgebracht. Es ist auf der einen Seite orange und auf der anderen glänzt es. Und mein Name steht darauf. Und darunter die Telefonnummer von meiner Familie. Mein Frauchen sagt, es ist meine Hundemarke. Sie hat sie mir an mein Halsband gehängt und ich trage sie jetzt voller Stolz. Diese Hundemarke ist etwas besonderes für mich. Sie zeigt, dass ich an einen bestimmten Ort gehöre und Menschen hab, die mich lieb haben und sich um mich kümmern. Das war nämlich nicht immer so.
Noch vor zwei Monaten habe ich mein Dasein in einem Tierheim in Rumänien verbracht. Das Leben dort war eigentlich kein Leben. Wir bekamen nur zweimal in der Woche etwas zu fressen und jeder zweite von uns war krank. Manchmal fiel einer der Hunde dort einfach um und stand nicht wieder auf. Dann wurde er, oft erst nach einigen Tagen, weggebracht. Manche von uns konnten oder wollten es nicht glauben, aber tatsächlich legte man es dort darauf an, uns sterben zu lassen. Ich kam vom Regen in die Traufe, als ich von meinem ehemaligen Besitzer weggeholt und in das Heim gebracht wurde. Mein Besitzer hatte mich im Hof an der Kette gehalten. Die Schlinge, die er mir um den Hals gelegt hatte, war furchtbar eng und desto mehr ich daran zog, desto mehr verletzte ich mich. Sie wuchs ein und musste rausoperiert werden, als mich Tierschützer fanden und mitnahmen. Einfach aus dem Hof raus, ohne dass mein Besitzer etwas davon mitbekam.
Nach meiner „Rettung“ wurde ich in das Heim gebracht, weil es keinen anderen Ort für mich gab. Irgendwo musste ich unterkommen und ich hörte sie sagen, dass es für Hunde wie mich keine bessere Unterkunft in Rumänien gibt, als diese. Lange Zeit passierte nichts- bis ich schließlich nach Monaten wieder von denselben Tierschützern eingefangen und mit anderen Hunden in einen großen Transporter verfrachtet wurde.
Ich kannte Autofahren damals noch nicht und hatte so panische Angst vor allem, dass ich mit meinem Leben fast abschloss. Ich bekam es gar nicht richtig mit, als ich nach 28 Stunden Fahrt ausgeladen und meiner neuen Familie übergeben wurde. Dort bekam ich ein eigenes kleines Zimmer, in dem ich mich die erste zwei Tage in der hintersten Ecke verkroch. Natürlich war ich der festen Überzeugung, dass diese Menschen genau so böse waren, wie alle Menschen zuvor. Aber nach und nach fasste ich mehr Vertrauen zu ihnen. Sie gaben mir leckeres Futter, gingen ständig mit mir raus, streichelten und kraulten mich und waren nicht ein einziges mal böse.
Es hat nicht lange gedauert, bis ich akzeptiert habe, dass diese Menschen meine neue Familie sind. Ich bin nun nicht mehr ängstlich und verkrieche mich, wenn ich etwas lautes höre oder etwas sehe, was ich noch nicht kenne. Ich freue mich auf alles neue, was sie mir zeigen und beibringen. Ich weiß nicht, wieso gerade ich so viel Glück habe, aber ich bin sehr dankbar dafür. Und ich hoffe, dass die anderen Hunde in Rumänien irgendwann auch so viel Glück haben werden.CARO Hundemarke (Pfote)

Ich werde jetzt Gassi gehen- mit meiner neuen Hundemarke am Halsband, an der man erkennen kann, dass es einen Ort gibt, an den in hingehöre.

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