Namensspiele in der Schreibwerkstatt

Einen Text schreiben, in dem der eigene Vorname auftaucht, in welcher Form auch immer – was dabei wohl herauskommt? Ist dieses Schreibspiel um Namen vielleicht ein psychologisches Wespennest?
Beim letzten Treffen der Werkstatt für junge Autorinnen und Autoren haben wir es ausprobiert und die verschiedensten Versionen erfunden: Ein witziges Minidrama über die Tatsache, dass viel zu viele andere genauso heißen wie ich, wo ich doch unverwechselbar sein will. Einen Potpourri-Text mit den verschiedensten Namen, in dem sich auch der eigene versteckt.

Dabei ist auch der Text von Leonie Daumer entstanden, der einen ganz eigenen Weg einschlägt.

Leonie

Zuerst gab es Nini. Nini sprach das erste Wort. Nini war laut, aufgedreht und machte immer, was sie wollte. Nini hatte mehr zu sagen, als sie aussprechen konnte. Das machte sie wütend. Wütend auf ihre Mama ganz besonders, weil Nini ihr einfach nicht sagen konnte, wie lieb sie sie eigentlich hatte. Nini wollte alles, alles verstehen, alles können. Das klappte manchmal nicht so gut. Aber manchmal schauten ihre Eltern sie mit großen Augen an, wenn sie etwas sagte, und das war gut.
Nini wollte so früh in die Schule wie nur möglich und außerdem wollte sie, dass alle sie mochten. Das klappte manchmal nicht so gut. Aber manchmal las die Lehrerin aus ihrem Heft vor und die anderen Kinder klatschten und das war gut. Irgendwann musste Nini jemandem Platz machen. Sie hieß Leo. Leo war fast immer gut gelaunt, bestimmte gerne Sachen und wollte später eine Insel mit Pferden und zehn Kinder haben. Fünf Jungen und fünf Mädchen. Leo wollte immer perfekt sein. Das klappte manchmal nicht so gut. Aber Leo war mutig und ging im Gymnasium ganz allein in eine neue Klasse und das war gut. Leo wusste oft alles besser und schaute sich ihre Gefühle gern von anderen ab. Das war das Einzige, was Leo nämlich noch nicht wusste: Wer sie eigentlich war.
Aber anscheinend wussten es die anderen: Leo sollte nicht so laut sein, niemanden mit ihrer Meinung nerven und außerdem machte sie viel falsch. Das machte Leo irgendwie krank. Und dann war sie plötzlich alleine, weil eine kranke Leo war ganz bestimmt nicht so, wie sie sein sollte, und Leo und Nini brauchten jemand. Und sie kam. Wie sie heißt, das wissen Nini und Leo noch nicht. Vielleicht heißt sie Leonie. Die Neue ist laut, aber manchmal hält sie den Mund. Die Neue hat immer eine Meinung zu allem, aber die behält sie auch mal für sich. Sie ist oft gut gelaunt, aber manchmal will sie allein sein. Die Neue soll Leo und Nini endlich sagen, wer sie sind. Das klappt manchmal nicht so gut. Aber manchmal schauen sie sich und um sind zufrieden mit dem, wo sie sind, und das ist gut.

Leonie im Nini-Alter

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