Geschichten aus dem Fahrstuhl

Eine Situation, drei Texte – beim letzten Schreibwerkstatttreffen ging es um Begegnungen im Fahrstuhl.

Lift-2207

Nächstes Stockwerk. Pling. Der Knopf mit der der 13 leuchtet auf. Hoffentlich steigt keiner ein. Die Tür geht auf. Verdammt. 13 ist keine gute Zahl. Das zeigt sich gleich wieder, es ist schlimmer als erwartet. Eine Frau steigt ein, verkniffener Gesichtsausdruck, knallroter Lippenstift. Die Tür schließt sich. Sofort bin ich von einer Wolke Parfüm eingehüllt. Die Blonde scheint es nicht zu stören, sie merkt wohl nicht, wie sie riecht. Oder doch. Sie hält ihr armbandträchtiges Handgelenk an die Nase, schnuppert, lächelt zufrieden. Ich befürchte, dass sie mir das Gleiche antun will, denn sie streckt die Hand in meine Richtung. Doch stattdessen begutachtet sie ihre roten Fingernägel. Pling. 12. Der Fahrstuhl hat eine Spiegelwand, die Frau betrachtet sich, streckt die Brust raus, zieht den Bauch ein, starrt auf meinen etwas zu fülligen Hintern, grinst mich spöttisch an. Blöde Kuh. Pling. Jetzt beginnt sie, ihr graues Kostüm zurechtzuzupfen, die schwarze Aktentasche steht zwischen den langen Seidenstrumpfbeinen. Ich tippe auf Anwältin. Klar, der will keiner im Gerichtssaal gegenübertreten. Sie wirft die blonden Haare zurück, fährt mit den Fingern immer wieder durch die Strähnen, die das definitiv nicht nötig haben. Pling. 7. Wir haben Stockwerke passiert, ohne dass ich es gemerkt habe. Sie sieht wohl meinen überraschten Blick, der beim nächsten ‚Pling‘ auf die 6 fällt. Grinst schief. Sie weiß, dass ich sie beobachte, nutzt das voll aus. Sie steht bestimmt gerne im Rampenlicht. Sehr viel älter als ich ist sie wohl nicht, diese Zicke. Pling. Erdgeschoss. Endlich. Ihr Geschoss. Ich muss noch tiefer. Meine Erlösung, sie geht. Ich sehe ihr durch den kleiner werdenden Spalt der Tür nach. Plötzlich rennt sie los, einem kleinen Jungen entgegen, hebt ihn hoch, küsst ihn, wirbelt ihn durch die Luft. Strahlt im ganzen Gesicht.
(Jerusha Präpst)

Lift-2201

Der Fahrstuhl fuhr nach oben. Kaltes Metall an meinem Rücken. Zu beiden Seiten der Tür zwei Männer, an die Wände gelehnt, ein Mann im Anzug und sein Spiegelbild. Der Anzug war schwarz. Der Mann stand ganz still. Sein Spiegelbild auch. Der Fahrstuhl ruckelte. Er trug eine Aktentasche unter dem Arm, eine Aktentasche aus schwarzem Leder. Er starrte sein Spiegelbild an. Es starrte zurück. Ich stand irgendwie dazwischen und irgendwie auch nicht. Für die beiden war ich nicht da.
Der Fahrstuhl öffnete zischend die Türen, der Gang war leer. Der Mann fing an, mit dem Fuß zu wippen. Sein Spiegelbild auch. Er sah weg. Er wirkte nervös. Die Türen schlossen sich wieder. Der Fahrstuhl fuhr hoch. Der Mann stand ganz still, nur sein Fuß wippte einen immer schnelleren Rhythmus auf das Linoleum. Immer schneller.
Der Fahrstuhl fuhr hoch, höher. Immer schneller, der Rhythmus, bis der Mann anfing, auf den Fußballen zu wippen. Seine Hände schlossen sich zu einer Faust, die er wieder öffnete im nächsten Moment, auf und zu. Ich bemerkte erst jetzt den zerknitterten, zerknüllten Zettel zwischen seinen Fingern. Auf und zu. Steile, gerade Buchstaben aus blauer Tinte. Notizen vielleicht. Auf und zu.
Der Fahrstuhl fuhr hoch, höher, am höchsten. Sein Spiegelbild stand ganz still. Der Mann jetzt auch, als die Türen sich leise öffneten. Er trat aufrecht auf den Gang. Ganz ruhig nun unter den anderen Männern in schwarzen Anzügen. Der Zettel war verschwunden. Einen Augenblick später konnte ich ihn nicht mehr von den anderen unterscheiden. Ich sah weg und der Fahrstuhl fuhr nach unten.
(Alina Kordick)

Lift-2199
Pling! Tür auf. Cool Water. Ich geh rein. Tür zu. Spätestens nach dem Aufleuchten der 10 ist es klar: Davidoff Cool Water. Das ultimative Männerparfüm. Plus, der ultimative Mann. Groß, so groß, dass man fast den Kopf in den Nacken legen muss, um das Gesicht zu erfassen. Überauffällig, aber ich tue es trotzdem. Und der Blick lohnt sich. Augen, die so groß sind, dass sie aussehen wie herausgedrückt. Fast zu groß für sein Gesicht. Wimpern, für die jede Frau ohne zu zögern ihre Seele hergeben würde. Ein paar Muttermale auf der rechten Wange, verteilt, als hätte sie jemand achtlos dorthin gestreut. Haare füllig wie ein Kuchen, auf den man mit der Gabel drückt und der sich wieder aufrichtet. Das war wohl zu lange überauffällig gestarrt mit dem Kopf im Nacken. Er lächelt mich an und sein Gesicht scheint nur noch aus großen Augen und weißen Zähnen zu bestehen. Schnell wandert mein Blick weiter abwärts, über eine außergewöhnliche Kette bis hin zu den Händen. Schon wieder so riesig, sie spielen miteinander wie Katzenbabys, umfassen sich, kneten sich. In der Unruhe seiner Hände sehe ich den Ring erst auf den zweiten Blick. Schmal und golden, so unscheinbar an den langen Fingern. Ich kann nicht leugnen, dass mein Herz ein bisschen sinkt. Schon wieder scheint er meinen Blick bemerkt zu haben, die Katzenbabys entknoten sich und er zieht den Ring ab, lässt ihn in seiner Hosentasche verschwinden, gerade rechtzeitig mit der 9. Pling! Tür auf. Mann geht raus. Eine junge Frau steht da. Dasselbe Große-Augen-und-weiße-Zähne-Lächeln wie bei mir, erweitert um einen innigen Kuss. Pling! Tür zu. Alles was bleibt ist Cool Water.
(Leonie Daumer)

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s