Hana: Stark für eine Viertelstunde

Mit ihrer Geschichte Stark für eine Viertelstunde hat Hana bei unserem Fantastischen Schreibwettbewerb den 2. Platz in der 5. Jahrgangsstufe gemacht.

02_04_16_Preisverleihung_Fantastischer SWB (35)

Hana freut sich gemeinsam mit Tabea über einen 2. Platz

STARK FÜR EINE VIERTELSTUNDE

,,Gib her”, knurrte der große Junge. Ich senkte meinen Kopf. Plötzlich packte mich der zweite Junge.
Schweißgebadet wachte ich auf. ,,Frühstück Frederick!”, kam es aus der Küche. Ich schlurfte zum Küchentisch und setzte mich. Mit Kakao spülte ich mein Müsli runter und machte mich auf den Weg zur Schule.
Der Tag kroch langsam voran. Als es 1 Uhr schlug, bekam ich jedoch langsam Panik. Hoffentlich lauerten mir nicht wieder die großen Jungs aus der Oberstufe auf! Möglichst unauffällig schlich ich aus der Schule. Hastig rannte ich weiter. Ich fühlte mich schon fast in Sicherheit, als hinter mir eine Stimme ertönte: ,,Hey!” Langsam blickte ich mich um. Suchend wanderten meine Augen über die Straße und blieben an einem kleinen Jungen hängen. Mein Herzschlag beruhigte sich. Der Junge trug ein weißrot kariertes Hemd, eine Trachtenjacke und einen Trachtenhut. Moment mal, das war doch Peter, der Neue in meiner Klasse. Er holte mich ein. Schweigend gingen wir eine Weile nebeneinander her. Peter brach die Stille. ,,Warum bisd so schnei aus da Schui grannt?”, fragte er. Ich zögerte. Konnte ich ihm vertrauen? ,,Es fing alles mit meiner Schwester an”, begann ich langsam, ,,sie hat ein paar Typen dabei erwischt, wie sie mehrere Kisten Alkohol aus dem Supermarkt geklaut haben. Die Polizei hat denen eine saftige Strafe erteilt, da sie schon öfter geklaut haben. Meiner Schwester wollten sie das heimzahlen und als sie herausgefunden haben, dass ihr kleiner Bruder, also ich, auch auf ihre Schule geht, lauerten sie mir täglich nach der Schule auf. Die Jungs verlangen Geld von mir, und wenn ich ihnen nichts gebe verprügeln sie mich…”, ich verstummte. Schweigend hatte Peter zugehört. ,,I hob a Idee”, meinte er plötzlich. Peter erzählte mir, dass er eine Enziansalbe besaß, die einen wahnsinnig stark machte. Er selbst benötigte sie nicht, doch mir könnte sie helfen, die großen Jungen loszuwerden. Wir vereinbarten für den nächsten Tag ein Treffen bei Peter.,,Pfiat di”, rief Peter und schon war er verschwunden. ,,Irgendwas”, dachte ich mir, stimmte mit ihm ganz und gar nicht…Wisst ihr was? Peter hatte mir als seine Adresse Wiesn-Straße 25 genannt, das Problem war nur, ich fand sie nicht! Ich hatte schon genau 23 Leute gefragt, doch jeder war ratlos gewesen. Wahrscheinlich wäre ich noch ewig herumgeirrt, wenn nicht plötzlich eine Stimme gesagt hätte: ,,Schließ oafach deine Augn.” Peter! Er nahm meine Hand und schloss die Augen. Ich tat es ihm gleich. Der Wind umfasste mich, mein Körper wurde in die Höhe gerissen. Auf einmal wurde es still. Ich schlug die Augen auf. ,,Herzlich Wilkomma aufm Boarischplanedn!”, rief Peter. ,,WOW!”, entfuhr es mir. Über mir war der Sternenhimmel ganz klar zu sehen. Wie er funkelte und strahlte! Ich war auf dem Bayerischplaneten! Ich folgte Peter in ein großes Zelt, ein Bierzelt. Als Sofa lag in der Ecke eine riesige flauschige Breze, die Badewanne war eine Mass Bier. Ein Biertisch stellte Peters Schreibtisch dar. Aus einer Schublade kramte Peter nun eine rote Tube heraus auf der stand: Stark für 15 Minuten. Mir wurde etwas mulmig zumute. Doch meine Neugier siegte. Ich krempelte meine Ärmel hoch und schmierte mich mit der Salbe ein. Pah, wie das stank! Doch sie zeigte ihre Wirkung. Lansam schwoll Muskel für Muskel an, mein Shirt riss auseinander. Ich schaute in den Spiegel. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Ich probierte sogleich meine neue Kraft aus. Peter konnte ich mit einem Finger hochheben, das Bierzelt ebenfalls, Doch nach einiger Zeit merkte ich, wie meine Muskeln wieder schrumpften und die Arme dünner wurden. Nachdem ich die Tube in meiner Hosentasche verstaut hatte, nahm Peter mich wieder an der Hand und wir schlossen die Augen. Zum zweiten Mal war es ein unbeschreibliches Gefühl, wie wir durch die Luft flogen, düsten, schwebten. Zum ersten Mal hatte ich Zuversicht, das Problem mit den großen Jungs zu bewältigen.
Am nächsten Tag warfen Peter und ich uns in der Schule immer wieder verschwörerische Blicke zu. Als es zum Unterrichtsschluss gongte, ging ich auf die Jungentoilette. Ich kremte mich mit der Enziansalbe ein. Sie stank einfach unerträglich und deshalb trug ich nur schnell eine dünne Schicht auf. Ich schlich nach draußen. Die großen Jungs warteten schon auf mich. Wie immer verlangten sie Geld, doch heute würde es anders sein. Ich wollte etwas erwidern und handeln, doch plötzlich merkte ich wie meine Kraft nachließ. Oh nein! Ich nahm meine Beine in die Hand und rannte weg. ,,Kleiner Angsthase!”, riefen sie mir hinterher. Peter wartete am Park auf mich. ,,Du schaugst net so aus, als häst groad des achte Weltwunder vollbracht.” Ich schüttelte den Kopf. Ich erklärte ihm, dass ich die Salbe zu dünn aufgetragen hatte, weil sie so gestunken hatte. Doch ich gab nicht auf. Ich trug nochmal die Salbe dick auf und bat Peter, die Zeit zu stoppen bis die Arme wieder dünner wurden. Eine Viertelstunde; dies sollte genügen.
Am darauffolgenden Tag klopfte Peter mir ermunternt auf die Schulter als ich in der Jungentoilette verschwand. Abermals schlich ich mit der wundersamen Enziansalbe eingeschmiert wieder hinaus. Diesmal eine beachtliche Schicht dicker. Langsam wurde ich ganz schön aufgeregt. Die bösen Jungen hatten mich noch nicht entdeckt. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Was wenn die Salbe wieder nicht richtig wirken würde? Doch ich besann mich wieder. ,,Es wird schon alles gut gehen, Frederick”, sagte ich mir immer wieder. Mit zitternden Beinen ging ich Stufe für Stufe die Eingangstreppe hinunter. Jetzt hatten sie mich bemerkt. Ich straffte meine Schultern und mit pochendem Herzen stellte ich mich vor sie. ,,Her mit der Kohle”, sagte einer von ihnen mit rauchiger Stimme. Ich sah ihm fest in die Augen: ,,Nein!” Mit gehässigem Lachen wollte ein Junge mich packen, doch diesmal war ich schneller. Ich hob ihn und einen zweiten Jungen in die Luft und jonglierte mit ihnen. Danach setzte ich einen anderen auf einen Baum und wahrscheinlich konnte man ihn bis nach China schreien hören:
,,Maaaaammiiiiiiiiii! Ich habe Höhenangst! Holt mich hier runter!” Einige Schüler lachten. Auf einmal merkte ich, wie meine Kräfte schwanden. Ich rief den Jungen zu:,,Macht so etwas nie wieder!” Und konnte gerade noch um die nächste Ecke rennen, als meine Arme wieder abschwollen. ,,Na, ois guad ganga?”, fragte Peter. Ich streckte den Daumen nach oben und schilderte ihm die Geschichte in allen Einzelheiten. Lachend gingen wir zusammen die Straße entlang und genossen unsere kleine List.
So habe ich nicht nur mein Problem beseitigt, was viel wichtiger ist: Ich habe einen tollen Freund gefunden.

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