Johanna: Slonazka

Mit ihrer Geschichte Slonazka hat Hana bei unserem Fantastischen Schreibwettbewerb den 1. Platz in der 5. Jahrgangsstufe belegt.

02_04_16_Preisverleihung_Fantastischer SWB (62)

Johanna nimmt ihren Preis entgegen

Slonazka

„Der Krebs ist wieder ausgebrochen“, hatten die Ärzte gesagt. Mutter hatte geweint. Vater auch. Ich konnte nicht weinen. Ich wusste, dass Weinen nichts half. Lieber verkroch ich mich in meinem Bett und las. Dann erzählte ich den Buchhelden von meiner Angst vor der Krank-heit. Allerdings fühlte sich das lächerlich an. Die Helden der Geschichten, die ich las, hatten schon viel Schlimmeres erlebt. Das war mir ein bisschen peinlich, obwohl die Abenteurer aus den Büchern mir mit ihren Kräften auch helfen könnten, den Krebs zu besiegen.
Ich hatte Leukämie. Das ist Blutkrebs. Leukämie ist zwar heilbar, kann aber auch tödlich en-den. Ich hatte keine Angst zu sterben. Nach meinem Tod wäre ich nicht mehr krank. Aber meinen Eltern und Freunden würde es das Herz brechen. Das machte mir mehr Angst als meine eigene Traurigkeit über die langen Krankenhausaufenthalte und die vielen Schmerzen. Ich beschloss etwas zu lesen. Die Bücher und meine große Fantasie waren das Einzige, das mir immer Mut machte.
Ich las gerade ein Buch, das von Ängsten und Geheimnissen einer Elfe handelte. Ich schlug das Buch auf und vergaß mit der Zeit immer mehr das Krankenhaus, die Leukämie und meine Angst. „Auf einmal wurde ihr schwindelig. Sie schloss die Augen, und als sie sie wieder öffnete, stand sie in einem Wald mit Bäumen aus zartem Glas, in denen man sich spiegeln konnte. Als sie in einen der Spiegel blickte, erschrak sie. Auf ihrem Rücken prangten zarte, silbrig glänzende Flügel“, las ich.
In diesem Moment wurde mir schwindelig. Alles begann sich zu drehen. Ich schloss die Au-gen. Das Drehen wurde langsamer. Endlich stand die Welt um mich herum wieder still. Ich öffnete die Augen und erstarrte. Ich stand genau in dem Wald, der in meinem Buch be-schrieben war. „Wo bin ich?“, fragte ich in die Stille. Nichts regte sich. Ich warf einen Blick in einen der Spiegel. Mir waren keine Flügel gewachsen, dafür trug ich eine himmelblaue Arm-banduhr. Ich hasste Uhren. Seit mir einmal ein Arzt gesagt hatte, ich hätte wohl nur noch ein Jahr zu leben (Was nicht im Geringsten stimmte), konnte ich es nicht mehr ausstehen zu se-hen, wie meine Lebenszeit ablief. Doch irgendetwas an dieser Uhr kam mir ungewöhnlich vor. Ich warf einen Blick darauf. Und noch einen. Es hatte sich nichts geändert. Statt der Uhr-zeit stand in leuchtenden Zahlen auf dem Ziffernblatt 14:29, 14:28, 14:27, 14:26, 14:25 … Die Zahlen veränderten sich im Sekundentakt. Ich überlegte eine Weile, was das zu bedeuten hatte. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Wahrscheinlich hatte ich nur eine be-grenzte Zeit. Genau so war es auch schon einmal in einem meiner Bücher gewesen. Das be-deutete, dass ich wohl in 14 Minuten und drei Sekunden nach Hause in mein Bett zurückkeh-ren würde. Ich dachte nach, was ich unternehmen konnte. Schließlich – da war ich mir ganz sicher – war ich nicht grundlos hier. Ich überlegte, ob ich ein Stück durch den Wald laufen sollte, aber die Bäume hier sahen alle gleich aus und ich wollte mich nicht verlaufen. Viel-leicht sollte ich mich bewegen. Vielleicht sollte ich hier bleiben. Die Chance das Richtige zu tun lag bei 50%. Ich beschloss stehen zu bleiben, um meine Kopfschmerzen nicht noch schlimmer zu machen. Bei meinem Krebs bekam ich oft Kopfschmerzen oder mir wurde übel. Bewegung oder angestrengtes Denken machten die Sache nicht besser. Ich stand ein-fach da, wartete, dass etwas geschah, atmete den Laubgeruch ein und hörte den Blättern, durch die der Wind fuhr, beim Rauschen zu. Ich wartete lange. Ich wartete länger. Ich warte-te noch länger. Mit der Zeit breitete sich ein ungutes Gefühl in mir aus. „Vielleicht hätte ich nicht hierbleiben dürfen“, überlegte ich mit wachsendem Unbehagen. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr und erstarrte für einen Moment vor Schreck. Ich hatte nur noch zwei Minuten und 17 Sekunden! Langsam war es an der Zeit etwas zu tun. Doch ich wusste nicht was.
Ehe ich etwas machen konnte, mischte sich ein Dreck- und Schweißgestank unter den feuch-ten Blättergeruch und ein dumpfes Stampfen und Poltern übertönte das Rauschen des Lau-bes. Zusätzlich erklang leises Sirren, wie von Libellenflügeln. Vor mir war nichts außer Bäume zu sehen, also drehte ich mich um, um den Urheber der Geräusche und des Gestanks zu sehen. Und da sah ich das Wesen. Ich wusste nicht, ob man es wirklich Wesen nennen konnte. So etwas gab es doch gar nicht! Ich hatte einmal ein Buch mit dem Titel „Lebewesen aus dieser Welt und aus Geschichten“ gelesen. Von der Gestalt, die sich mir gerade näherte, war darin ganz bestimmt nicht die Rede gewesen. Vielleicht war das Wesen gar nicht da, sondern nur eine Fata Morgana oder so etwas Ähnliches. Ich rieb mir die Augen, doch das, was nun nur noch wenige Meter von mir entfernt stand, war noch immer klar und deutlich zu sehen. Es war ein Elefant! Das klingt jetzt so, als wüsste ich nicht, wie ein Elefant aussieht. Natürlich weiß ich das. Aber es war kein gewöhnlicher Elefant. Es war ein Porzellanelefant, und doch bewegte er sich. Er war aus schwarzem Porzellan, hatte Glasaugen und war von einem magisch wirkenden, rosaroten Schimmer umgeben. Außerdem war er nur in etwa so groß wie eine Katze. Der Rüssel war himmelblau und dunkelviolett. Doch wenn man genau hinsah, erkannte man, dass sich hinter dem Blau und Lila schwarze und dunkelgraue Schatten befanden. Das Seltsamste waren die Flügel. Ja, er hatte wirklich Flügel! Natürlich hatte ich schon mal etwas von Pegasus, dem geflügelten Pferd, gehört, aber dass es auch geflügelte Elefanten gab, hatte ich nicht gewusst. Vielleicht gab es das auch gar nicht, und ich bildete es mir nur ein. Dann hätte ich ein großes Problem. Aber ein viel größeres Problem hatte ich, weil ich nicht wusste, ob diese Gestalt lieb oder böse war. Vielleicht sollte ich sie besiegen? Vielleicht sollte ich ihr helfen? Vielleicht sollte sie mir helfen? Die Chance auf einen positiven Ausgang unseres Treffens war recht groß. Obwohl ich mir unsicher war, fasste ich mir ein Herz und fragte: „Wer bist du und warum bist du hier? Warum ausgerechnet bei mir? Was soll ich mit dir tun und was willst du von mir?“ Ich wusste nicht, ob das Wesen sprechen konnte. Wenn nicht, dann konnte es ja nicht anders als nicht antworten. Wenn schon, dann wollte es nicht antworten. Jedenfalls reagierte die Elefantengestalt nicht im Geringsten auf meine Worte. Auf einmal wurde mir wieder schwindelig. Ich machte das Gleiche durch wie vor einer Viertelstunde, als ich in den Spiegelwald gelangt war.
Endlich war ich wieder zu Hause, in meinem Bett, in meinem Zimmer, in unserem Haus. Kopfschmerzen und Schwindelgefühl klangen ab, und ich fühlte mich richtig wohl. Gerade wollte ich tief einatmen und die Luft ohne den Gestank des Elefanten genießen, als mir auf-fiel, dass der Geruch noch immer da war. „Woher kommt der Gestank?“, überlegte ich, „die-ses Wesen kann doch gar nicht da sein.“ Doch, es konnte da sein. Es war da. Am Fußende meines Bettes stand niemand anderes als der geflügelte Elefant. Und dann sprach er. Nein, er sprach nicht. Die Wörter waren auf seinem Rüssel zu lesen und krochen wie eine Schlange hinaus. Sie kamen durch meine Augen, mit denen ich las. Sie kamen durch meine Nase, denn der Gestank des Wesens veränderte sich mit jedem Buchstaben, sodass ich riechen konnte, was es sagte. Durch Augen und Nase liefen die Wörter bis zu meinem Herzen und ich fühlte, dass der Porzellanelefant sagte: „Ich bin Slonazka, der polnische Porzellanelefant. Keiner außer dir kann mich sehen. Ich sehe deine Gefühle und Gedanken. Ich sauge deine Sorgen und Ängste ein. Wundere dich nicht über mein Miefen. Du riechst das Böse der Schatten der Sorgen, die du auch in meinem Rüssel erkennen kannst.“ Jetzt erst sah ich die Schatten auch außerhalb des Rüssels. Es waren tausende. Sie hingen an den Wänden, der Decke und den Regalbrettern. Die Schatten waren überall. Es waren keine Schatten von Lebewesen oder Dingen, sondern die Schatten der Ängste, die den Raum abdunkelten. Mein Vater war Pole und so wusste ich, dass „slon“ Elefant und „wazka“ Libelle bedeuteten. Also hieß „Slonazka“ „Elefant mit Libellenflügeln“ oder so ähnlich. Slonazka plusterte seinen Rüssel auf und sog die Schatten hinein. Sofort sah mein Zimmer freundlicher und heller aus. „Mach das Fenster auf“, bat mich der Porzellanelefant. Gehorsam kletterte ich aus dem Bett und öffnete das Fenster. Erneut begann das Tier zu saugen. Tausende und abertausende Schatten strömten herein und direkt in seinen Rüssel. Auch draußen wurde es heller. Jetzt führte der Slomazka die Rüsselspitze an mein Herz. Er plusterte sich auf und sog all meine Ängste und Sorgen aus meinem Herzen. Von diesem Moment an fühlte ich mich endlos frei. Es war ein Gefühl, das ich nie wieder loslassen wollte. Ich ließ es auch erst einmal nicht los.
Ein Jahr verstrich auf diese unbeschwerte Lebensweise. Jede Angst, die ich bekam, nahm der Slonazka mir vom Herzen. Doch ein Jahr später sagte der Elefant: „Ich muss jetzt gehen. Ich kann nicht zurückkommen. Ich kann immer nur ein Jahr bleiben, und muss nun jemand an-derem helfen. Pass auf dich auf.“ „Nein!“, schrie ich, „nein, du darfst nicht gehen, ich kann ohne dich nicht leben!“ Ich lief auf meinen Porzellanelefanten zu, riss ihn am Rüssel zu mir her, doch es half alles nichts. Slonazka löste sich langsam in Luft auf und ich stand mit leeren Händen da. „Nicht! Komm zurück!“, rief ich verzweifelt, aber es war zu spät. Slonazka war weg und ich war allein.
In dem Moment kamen die Sorgen zurück. Sie waren nicht so schlimm wie zuvor, aber sie waren da. Was sollte ich nun tun? Ich hatte verlernt so zu leben! Ich ließ mich auf mein Bett fallen und weinte.
Doch da merkte ich, dass die Sorgen zwar da waren, ich sie aber nicht spüren konnte. Die Zeit mit Slonazka war mir eine große Lehre gewesen. Ich hatte gemerkt, dass ein Leben ganz ohne Sorgen kein richtiges Leben war, nachdem ich oft ohne Angst dachte, mir könnte gar nichts passieren und mich in Gefahr gebracht hatte. Ganz ohne Angst hatte ich auch die Angst vor den Sorgen vertrieben. Ich konnte nicht mehr sorgenfrei leben, aber ich konnte gegen die Sorgen kämpfen und gewinnen. Dieses Wissen war das, was mich dazu brachte, glücklich und mit meinen Ängsten zu leben. So hatte ich auch meine Eltern überzeugt, dass sie sich nicht so viel um mich sorgen mussten, weil ich nun stark genug war, gegen den Krebs zu kämpfen. Und so hatte ich ihn auch besiegt. So war ich gesund geworden.

 

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