Tabea: Ein Stein bekommt Füße

Tabea hat mit ihrer Geschichte Ein Stein bekommt Füße bei unserem Fantastischen Schreibwettbewerb den 2. Platz in der 5. Jahrgangsstufe belegt.

02_04_16_Preisverleihung_Fantastischer SWB (35)

Tabea (rechts) freut sich gemeinsam mit Hana über einen 2. Platz.

Ein Stein bekommt Füße

„Den möchte ich haben, den grün, blau gestreiften Stein. Er sieht so wundervoll aus und erinnert mich an das Meer, weil die Farben genauso schimmern!“, vernahm ich eine helle Stimme. Ein Finger, ungefähr so groß, wie der eines größeren Kindes, zeigte auf mich. Ich kugelte mich noch fester zusammen, damit mich das Mädchen nicht entdeckt. Kurz darauf wurde ich hochgenommen, es klingelte dumpf und ich wurde in eine sehr dunkle, stickige und kitschige Tüte gepackt – Prinzessin Lillifee! Igittigitt so viel rosafarbene Töne mögen wir überhaupt nicht! Danach wurde ich eine Weile durchgeschüttelt, in etwas hineingeworfen, das laut brummte und irgendwie setzte es sich in Bewegung. Nach langer, aber angenehmer Fortbewegung, blieb das mir noch unbekannte Fortbewegungsmittel stehen und ich wurde mit der Tasche hinausgenommen. Oh, jetzt gerade merke ich, dass ich mich noch gar nicht vorgestellt habe. Ich bin Buk, der noch unbekannte Bücherkobold. Vielleicht denkt ihr jetzt, ich wäre ein Alien aus dem Weltall. Falsch gedacht! Ich wurde aus einer fabelhaften Fantasiegeschichte geboren. Ich esse am liebsten farbige Bilder aus Büchern (Njam! Hilfe, jetzt bekomme ich schon wieder Hunger!) Besonders schmackhaft war die Villa Kunterbunt. Mir läuft jetzt noch das Wasser im Mund zusammen! Ich wohne im Inhaltsverzeichnis von alten schwarz – weiß Büchern und kann so weit springen, wie ich will. Das ist manchmal ganz praktisch, zum Beispiel, wenn Gefahr droht. Man darf mir nicht ins Gesicht schauen, denn das Gesicht verrät am meisten über Bücherkobolde und dann muss ich bei demjenigen mein ganzes Leben verbringen. So, so weit zu diesem Thema. Nun aber zurück.
Etwas später wurde ich (endlich!) aus dieser komischen Tüte hinaus genommen, auf ein Regal gelegt und das Mädchen verließ das Zimmer. Jetzt kommt mir auch langsam in den Sinn, wie ich hier hingelangt bin. Ich musste in einem Auto gekommen sein! Ihr fragt euch wahrscheinlich, wie ich überhaupt auf dem Ladentisch gelandet bin. Ich lebte in einem Buchladen in Madrid, in dem ich auch geboren worden wurde. Es fing damit an, dass ich mich ein bisschen in den Büchern umschaute, als ich ein Buch entdeckte mit einem Stein, der die gleichen Farben hatte wie ich. Dort hinein verzog ich mich. Wenige Tage später kam ein Mann in den Laden und schaute sich in dem Regal um, in dem auch das Buch ausgestellt war, das ich behauste. Er nahm das Buch hoch und ich musste ein kleines Loch in das Buch bohren, damit ich nicht abrutschte. Wenige Zeit später hatte er es gekauft und nahm mich in dem Buch mit zu sich nach Hause. Als er mich dort ablegte, wagte ich ganz kurz aus dem Buch zu spähen, zog mich aber wieder zurück und zwar keine Sekunde zu früh! Denn wenig später begann er, in dem Buch zu lesen. So verging einige Zeit. Doch eines Tages gelangte er zu der Seite, in der ich mich verkrochen hatte. Dieses Mal klammerte ich mich nicht fest, damit er mich nicht für etwas Lebendiges hielt. Also ließ ich der Schwerkraft freien Lauf und purzelte aus der Seite heraus. Ich bemerkte seine doppelte Verwunderung, denn er wusste nicht, dass er einen Stein im Buch hatte. Und ich fiel nicht mit einem „Klong“ zu Boden, sondern landete fast geräuschlos. Erst hob er mich auf und ich musste aufpassen, dass er mein Gesicht nicht entdeckte, denn sonst müsste ich bei ihm mein ganzes Leben verbringen. Das wollte ich aber nicht! Gott sei Dank betrachtete er nur meinen Rücken und sagte dann zu mir: „Dich muss ein Sammler passend zum Buch gefunden und hineingelegt haben. Mit dem schönen Grün und Blau wirst du leicht zu verkaufen sein!“ So stellte er mich jedes Mal aus, wenn er auf dem Markt war, wo er seine Sachen verkaufte. Auf diese Weise kam ich zu meiner jetzigen Besitzerin.
Nachdem das Mädchen aus ihrem Zimmer verschwunden war, löste ich mich aus meiner versteinerten Position und sah mich ein bisschen im Zimmer um. Ich entdeckte einen Schreibtisch, auf dem viele Zettel herumlagen. Ein Regal, in dem viele Bücher standen, und ein hohes Bett mit einer Leiter. Dann entdeckte ich etwas Erstaunliches: Es war ein längliches Teil mit zwei Netzen an der Seite und mit vielen interessanten Knöpfen. Sofort packte mich die Neugierde und ich sprang gespannt auf das seltsame Ding zu. Ich suchte mir einen Knopf aus, der mir am interessantesten erschien, drückte zaghaft auf diesen und plötzlich passierten zwei Dinge gleichzeitig. Aus dem Ding ertönte lautes Gedudel und die Tür zum Zimmer wurde aufgerissen. So schnell ich reagieren konnte, sprang ich auf das Regal und rollte mich wieder zu einem Stein zusammen. Dann erschien das Mädchen in der Tür. Ich war froh, dass sie mich nicht entdeckt hatte. Plötzlich schrie sie: „Lukas, das machst du nicht noch mal! “ und rannte aus dem Zimmer. Aha, sie musste also einen Bruder haben! Ob klein oder groß konnte ich nicht herausfinden, denn das Geschrei war mir zu laut und ich beschloss, mich nach einem neuen Buch umzusehen, in dem ich mich verstecken konnte. Ich fand eines ganz in der Nähe mit der Aufschrift „Die schönsten Kindergeschichten“. Mein Magen knurrte und ich beschloss in den Seiten zu blättern, bis ich ein wunderbares, buntes Bild gefunden hatte, um es zu verzehren. Nach einiger Zeit hatte ich eines gefunden, das die Raupe Nimmersatt zeigte (so ungefähr wie ich ;-)). Sehr bunt! Genau das, worauf ich gerade total Hunger hatte! Sofort stürzte ich mich auf das Bild und fing an, die obere Ecke anzuknabbern. Etwas später war das Bild bis zur Hälfte aufgegessen, ich hatte keinen Hunger mehr und legte mich in ein ganz altes Buch, das ich schon vorher entdeckt hatte, zum Ausruhen hin. Sofort war ich eingeschlafen. Es war ja auch ein anstrengender Tag.
Hilfe, ich falle! Ich habe doch gleich gewusst, dass der Storch keine gute Reisemöglichkeit ist! Bumm! Hä?! Bin ich nicht verletzt? Wo bin ich überhaupt? Ach, langsam erinnere ich mich. Ich lag in einem Buch und habe geträumt! Dem Mädchen muss es heruntergefallen sein! Wenigstens hat sie mich nicht entdeckt. Trotzdem wird sie dafür meine Rache zu spüren bekommen. Ach ja, ich liiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiebe es, Bücher herunterzuschmeißen. Außerdem frische ich damit meine Hautfarbe auf, denn wenn es nicht knallt, verblasse ich und wenn es zum Schlimmsten kommt, sterbe ich. Die erste Gelegenheit für eine knallende Rache ergab sich bald. Das Mädchen saß gerade hochkonzentriert an ihrem Schreibtisch, als ich mir extra das dickste Buch von allen heraussuchte. Ich musste hinschleichen, damit sie keinen Verdacht schöpfte. Aber sie bemerkte, dass ihr Lieblingsstein weg war. Sie hat natürlich gleich wieder ihren Bruder verdächtigt, und ist sofort zu ihm ins Zimmer gelaufen und es gab Geschrei und Tränen. Nach einer Weile kam sie zurück und durchsuchte das Zimmer nach dem Stein. Ich wartete, bis sich der nahezu perfekte Moment ergab und warf es hinunter. Es gab einen heftigen Knall, sie zuckte zusammen und ich sprang zu einem anderen Buch, das sich genau auf der anderen Seite des Regals befand, um mich gut verstecken zu können. Sie holte tief Luft, ging zu dem Buch hin und stellte es wieder in das Regal zurück. Diese Chance nutzte ich, um es nochmals herunterzuschmeißen. Man hörte es knallen und das Mädchen lief schnurstracks aus dem Zimmer. Hoffentlich verdächtigte sie nicht ihren Bruder! Das wäre ja wirklich unlogisch, denn er war gar nicht im Zimmer! Aber mit meiner Vermutung lag ich goldrichtig. Man hörte aus dem Nebenzimmer laute Stimmen. Oje! Was ich auch noch hören konnte, war der Name des Mädchens Anne-Anne, denn so nannte der Bruder sie, als sie den Höhepunkt des Streites erreicht hatten. „Nennen“ ist vielleicht nicht das richtige Wort. Bessergesagt schrie er es buchstäblich. Aber das Gute daran war, dass ich noch unentdeckt geblieben war. Trotz allem hatte ich immer noch Lust, Bücher herunterzuwerfen. Ich verharrte hinter dem Buch, bis das Mädchen verweint in ihrem Zimmer erschien. Sie knallte dir Tür hinter sich zu und genau in diesem Moment ließ ich das Buch fallen. Ich jubelte innerlich und merkte, wie meine grün – blaue Hautfarbe zunahm. Sie aber nahm das Buch mit voller Wucht hoch und stellte es krachend in das Regal zurück. Ich konnte mich gerade noch rechtzeitig in ein anderes Buch verkrümeln. Langsam merkte ich, wie ich wieder Hunger bekam. So kroch ich wieder in „Die schönsten Kindergeschichten“ und vernaschte eine Seite, die ich letztens schon entdeckt hatte. Zuerst knabberte ich die Ecke an und aß dann gierig den Rest des Bildes auf. Bald aber merkte ich, wie das Buch hochgenommen wurde! Ohoh! Sie wollte doch nicht etwa darin lesen?! Denn dann würde ich voll in der Patsche sitzen. Aber doch. Sie schlug schnell die Seite mit dem Bild auf, das ich gerade aß! Sie entdeckte mich sofort, ließ das Buch fallen und schrie: „Mama, Mama, da ist eine Maus in meinem Buch!“ Sofort beschwerte ich mich (auch wenn ich jetzt denke, dass ich das lieber hätte sein lassen sollen): „ Ich bin keine Maus. Ich bin ein Kobold.“ Anne-Anne schrie noch lauter auf und als ihre Mutter im Zimmer erschien, erzählte sie ihrer Mutter, was geschehen war. Diese guckte auf das Bild und meinte: „Da ist doch gar nichts Anne. Du hast manchmal eine zu blühende Fantasie“. Mit diesen Worten verschwand sie aus dem Zimmer. Nach ein paar Minuten Stille fragte Anne-Anne oder Anne, je nachdem wem man glaubte: „Wieso konnte dich meine Mama nicht sehen?“ Ich antwortete ihr: „Weil du mir schon einmal ins Gesicht geblickt hast.“ Das leuchtete ihr ein. Trotzdem stellte sie noch eine Frage: „ Und du isst meine Bücher?“ „Nein, ich verschlinge nur die Bilder“, antwortete ich, „Ich muss bunte Bilder essen! Sonst verhungere ich! Dann hast du einen Kobold auf dem Gewissen!“ „Aber Bücher ohne Bilder will ich nicht! Du machst sie kaputt!“ Sie überlegte: „Und wenn ich dir welche male?“ Ich machte einen Freudensprung: „Das ist eine gute Idee! Du musst mir jeden Tag bunte Bilder malen. Womit du mir auch einen großen Gefallen tun würdest, wenn du dreimal in der Woche ein Buch herunterwirfst, um meine meeresblaue Hautfarbe aufzufrischen und ich am Leben bleibe.“ „Na ja, lass mich mal nachdenken“, überlegte Anne. „Ok, abgemacht.“
Sie verriet mir noch ihren Nachnamen, Reza hieß er. Finde ich einen schönen Nachnamen weil er mich an Resi, meine Freundin aus dem Buchladen in Madrid erinnert und aus dem Grund wurde ich ab sofort Buk ala Reza genannt. Das freute mich sehr. So lebte ich glücklich und zufrieden bei Anne. Einmal vergaß sie, ein Buch herunterfallen zu lassen. Dann tat ich es selbst. Sie erschrak total, aber danach konnten wir beide darüber lachen. So, tschüss! Vielleicht hast du auch einmal einen Bücherkobold in deinem Haus. Einen Tipp gebe ich dir noch, falls du keinen Bücherkobold haben möchtest: passe gut an Steinständen oder –läden auf, ob es vielleicht kein Stein, sondern ein Bücherkobold ist. Falls mal ein Buch herunterfliegt oder ein Bild weg ist, dann weißt du: „Jetzt lebt ein Bücherkobold bei mir“. Aber verdächtige bitte nicht deine Geschwister! Die können nicht immer etwas dafür! Jetzt muss ich aber wirklich Schluss machen. Es gibt gleich frisch gemalte Bilder zum Abendbrot. Njam, njam. Tschüss!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s