Stille Dialoge aus der Autorenwerkstatt

Monologe gibt es auf dem Theater und manchmal auch anderswo, oder aber man führt sie innerlich mit sich selbst. Dialoge setzen mindestens zwei Leute voraus, die irgendwie miteinander reden. Was aber, wenn das Gegenüber schweigt, sich entzieht, gar nichts sagt?

Die jungen Autorinnen der IJB-Autorenwerkstatt haben sich solche Situationen vorgestellt und sie in Worte gefasst. Hier zwei Beispiele – von Lara Mattuschat und Jerusha Präpst.

Lara Mattuschat: SO STILL

So still. Wie sehr ich mir wünsche, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Ich starre dich an, du siehst mich nicht. Dein Blick wandert ziellos umher und scheint nicht zu deinem reglosen Körper zu gehören.
„Sag doch etwas“, flehe ich dich an.
Nur die Stille antwortet. Sie spricht für sich.
Ich weiß, du bist jetzt grad nicht da. Brauchst Zeit für dich und so, und dennoch kann ich nicht aufhören zu reden.
„Bitte, lass es uns versuchen. Wir können das schaffen! Waren wir nicht immer so stark zusammen? Wo ist all das hin? Du sagst, du liebst mich, aber jetzt sitzt du nur so da. Kannst du denn nicht anders? Scheiße, verdammt!“
Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich mit dir rede oder nicht doch mit der Wand hinter dir. Die antwortet mir wenigstens: KEEP CALM AND KEEP DANCING. Das Poster, das wir zusammen aufgehängt haben.
„Denkst du etwa, es ist meine Schuld? Ich habe alles getan, was ich konnte. Und doch stehe ich jetzt vor einem Trümmerhaufen. Wie konnte das passieren? Was werde ich sein, wenn du nicht mehr bist? Hör mir doch endlich zu!“
Endlich. Eine Regung in deinem Gesicht. Deine Augenbrauen – hab ich schon mal erwähnt, dass ich die nicht mag? – ziehen sich zusammen. Ein Sturm naht. Die Temperatur des Raumes sinkt um 13,75 Grad Celsius.
Dann glättet sich deine Stirn wieder. Du stehst mechanisch auf und gehst ins Bad. Du gehst weg, die Kälte bleibt.
Ich fühle mich erstarrt und habe auf einmal unglaubliches Mitleid mit Tiefkühlhühnern. Es wäre an der Zeit zu weinen, denke ich, doch die Stille drückt schwer auf meine Lungen. Kein Schluchzen kann heraus.
Ich nehme einen Stift und beginne zu schreiben: So still…

Jerusha Präpst: AMANDA

Der Blick des kräftigen Mannes drückt Unmut aus. „Ist das Ihr Ernst?“, schnaubt er.
Sein Gegenüber verdreht die Augen. „Bleiben Se ma locker! So schlimm war det jetz och nich.“
Die kleinen Adern auf seiner Stirn beginnen zu pulsieren und die junge Frau grinst spöttisch. Fletcher bemerkt das nicht. „Das kann so nicht weitergehen, auch Sie haben sich an meine Regeln zu halten, Amanda!“
Die Augen werden abermals überdeutlich verdreht, die pinken Fingernägel betrachtet.
„In diesem Zimmer erwarte ich Disziplin, Amanda. Disziplin und Lernbereitschaft. Es gibt Regeln, die Sie zu befolgen haben.“
Schlanke Finger flechten eine Haarsträhne und öffnen sie wieder, der Blick wandert aus dem Fenster. Überdeutliches Desinteresse.
Mr. Fletchers Gesichtsausdruck wird starr, jetzt treten auch die Adern am Hals hervor. „Und Respekt, Amanda! Hören Sie überhaupt zu? Antworten Sie.“
Ganz langsame Kopfbewegung, Kaugummikauen. „Ja, Sir, natürlich höre ich Ihnen zu.“ Überdeutliche Artikulation, überdeutliche Zustimmung, überdeutliches Kaugummikauen.
„Raus!“
Sie grinst hämisch, steht auf, hüftschwingender Schritt zum anderen Ende des Klassenzimmers. Ihre Haare fliegen, als sie mit einem „Tschüss, ihr Loser!“ den Raum verlässt und die Tür hinter sich zuknallen lässt.
„Bitch“, murmelt Nora aus der ersten Reihe halblaut. Mr. Fletcher widerspricht nicht.

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