Daria Wilkes „Der Müllmann“ inspiriert Schüler zu eigenen Texten

Im Rahmen des White Ravens Festivals 2016 las die russische Autorin Daria Wilke am Meranier-Gymnasium in Lichtenfels aus „Der Müllmann“. In diesem Roman gerät der klar geregelte Tagesablauf eines kauzigen und menschenscheuen Müllmanns durcheinander, als die Miliz bei ihn einen „Durchreisenden“ einquartiert, der vor dem Krieg aus seiner Heimat fliehen musste. „Der Müllmann“ ist eine literarisch außergewöhnliche Parabel, die viele Anknüpfungspunkte für Fragen und Diskussionen zur aktuellen Flüchtlingssituation gibt.

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Daria Wilke (Autorin, Mitte), Sebastian Hofmüller (Sprecher, li.) und Katja Wiebe (Moderatorin, re.) bei der Lesung am Meranier-Gymnasium in Lichtenfels

Angeregt von Daria Wilkes Roman, haben einige Schüler des Gymnasiums eigene Texte verfasst. Hier eine Auswahl:

Die Skepsis

Neugier. Das war das erste, was ihm auffiel. Neugier kann gefährlich werden. Der Müllmann war zwar keine Person, die jemanden anbrüllen oder auf jemanden losgehen würde, doch die Art, mit der der Fremde sein Wohnzimmer erkundete, gefiel ihm ganz und gar nicht.
Seit der Vorbeigehende eingetreten war, inspizierte er die neue Umgebung aufgeregt. Wie ein kleines Kind, das zu Weihnachten ein tolles Geschenk bekommen hat.
Neugierig lief der Mann herum, blieb manchmal stehen um ein Bild zu betrachten, über eine der E-Gitarren zu streichen oder über den dreckigen Lampenschirm zu streichen, um dann festzustellen, dass sich auf seiner Hand nun eine leichte Staubschicht erstreckte. Währenddessen stand der Müllmann nur still im Zimmer und betrachtete das ganze skeptisch.
„Schön hast du es hier. Du magst alte Sachen, nicht wahr? Die Polizisten haben mir erzählt, du würdest Schrott auf einen schmutzigen Platz bringen und ab und zu etwas davon mitgehen lassen. Du verkaufst die Sachen auf den Schwarzmarkt damit du dir etwas zu Essen leisten kannst, oder?“, fragte der Vorbeigehende.
Wie Bitte? Als erstes fiel ihm auf, das der Mann ihn mit Du angesprochen hatte. Er konnte sich nicht daran erinnern ihm die Du-Form angeboten zu haben. Und mitgehen lassen? Das klang so, als würde er stehlen. Ihm war nie aufgefallen das ihn jemand bei seiner Arbeit beobachtet hatte. Hatten die Leute wirklich die Vorstellung, dass er die Sachen wieder verkaufte?
„Jetzt weiß ich wieder, wieso ich die Gesellschaft nicht sehr gut ertragen kann“, murmelte der Müllmann.
Klar war er nicht immer so gewesen. Seit dem Tod seiner Mutter hatte sich viel geändert, doch er war immer etwas vorsichtiger und schüchterner gewesen. Meist auch nicht unberechtigt: zu oft wurde er Opfer eines Streiches. Zu oft wurde er ausgelacht oder fiese Unwahrheiten wurden verbreitet.
Nein, der Müllmann hatte es nie wirklich leicht im Umgang mit Menschen. Nur seine Mutter hatte immer zu ihm gehalten. Doch nun, da sie nicht mehr da war, war er ganz auf sich alleine gestellt.
Oft fühlte er sich einsam. Oft spürte er die angewiderten Blicke, wenn er mit seinen älteren, geflickten Sachen durch die Stadt lief. Die mitleidigen Blicke, die jedoch bei seinem mürrisch guckende Gesicht versagten. Doch er konnte seine manchmal auch ungerechte Art nicht fallen lassen. Er konnte so, wenn auch nicht auf geschickte Weise, verhindern, verletzt zu werden. Er war nicht glücklich so, aber seine Angst verhinderte sich zu ändern.
„Hallo? Ist alles ok?“
Der Vorbeigehende hatte sich besorgt zu ihm gewendet. Anscheinend war er mal wieder in Gedanken versunken.
„Alles gut. Aber zu ihren Fragen. Glauben sie nicht alles was ihnen erzählt wird. Übrigens, hier in unserem Land siezt man fremde Leute aus Höflichkeit.“
Verlegen schaute der Mann ihn an. Der Müllmann wusste: Wenn dieser Fremde tatsächlich hier länger bleiben würde, wird noch sehr viel Arbeit auf ihn zukommen.

Dialog

Der Müllmann sitzt bei sich auf dem Sofa und hält seine Mandoline in der Hand, als plötzlich der Vorbeigehende kommt.
Vorbeigehender: Hallo, wie geht es dir?
Müllmann: Was willst du?
Vorbeigehender: Ich möchte mich unterhalten: ich habe keine Freunde – möchtest du mein Freund sein?
Müllmann: Nein, wieso sollte ich?
V: Du hast keine Freunde – ich habe keine Freunde.
M: Klar, hab ich Freunde und du, du kannst dir welche suchen und dann bei denen wohnen.
V: Aber ich kenne hier niemanden. Meine ganze Familie ist in Syrien.
M: Na dann, geh auf die Straße und such dir welche!!
V: Ich kann doch nicht einfach fremde Menschen ansprechen.
M: Das fällt mir auch immer schwer, deswegen arbeite ich nachts wenn mich keiner sieht und schlafe am Tag.
V: Ist das eine Mandoline? Ich liebe den Klang der Mandoline, vor allem wenn die Melodie, das ganze Haus erfüllt.
M: Ja, das ist soo schön. Meine Mutter konnte das. Ich habe es geliebt. Wer konnte denn bei euch Mandoline spielen?
V: Ich, ich kann Mandoline spielen.

Der Vorbeigehende nimmt sich die Mandoline. Plötzlich fängt er an zu spielen.

M: Woher kennst du das Stück? Das habe ich früher immer bei meiner Mutter gehört.
V: Ich habe es in deinem Tagebuch gelesen.

Nun konnte sich der Müllmann nicht mehr halten. Er griff nach der Mandoline und …

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