Vollversammlung der Gefühle

Ein Buch von Mario Giordano wurde in der Werkstatt für junge Autorinnen und Autoren zu einer Fundgrube für Schreibanregungen. Es heißt „1000 Gefühle, für die es keinen Namen gibt“ und ist 2013 im Berlin Verlag erschienen. Leonie Daumer schrieb über „Das Gefühl, jemanden lieben zu können“ – ihre Geschichte findet ihr hier.

Wer mehr Geschichten aus der Schreibwerkstatt an der Internationalen Jugendbibliothek hören will, ist herzlich eingeladen zur Lesung „Junge Literatur Live!“ am 7. Oktober um 19.00 Uhr.

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Leonie Daumer

Das Gefühl, jemanden lieben zu können
Manchmal passieren Dinge, die man lange Zeit erwartet, aber dann aufgegeben hat, genau dann, wenn man kurz davor ist, sie zu vergessen. Als hätten sie ein Eigenleben, als wollten sie unbedingt um jeden Preis gehört werden, wie ein quengelndes Kind.
Es passierte ihr genau so, plötzlich und unerwartet und genau dann, als sie längst nicht mehr dachte, dass es passieren könnte.
Es passierte ihr, als sie gemeinsam in seinem Bett lagen, seinem Bett, das komischerweise genau für sie beide Platz ließ und so weich war, dass sie nach kurzer Zeit in einer tiefen Kuhle lag. Sie mochte das normalerweise nicht, so tief liegen, das Zimmer nicht mehr überblicken können, die Matratze sie umgebend wie Gefängnis. Mauern, aus denen sie nicht so leicht entkommen würde. Sie hasste es sonst, von der Matratze gefangen genommen zu werden, einem Haufen aus Stoff und Federn ausgeliefert zu sein, aber er, er lag einfach in seiner Kuhle neben ihrer Kuhle, um einiges tiefer eingesunken als sie, und sah sie durch seine Brillengläser, in denen sich das Licht der Deckenlampe spiegelte, an.
Und sie merkte, dass die Matratze , die sie von allen Seiten umgab, gar nicht so bedrohlich war, und dass sie das Zimmer nicht überblicken konnte, war auch nicht so schlimm, denn ihn konnte sie ja ansehen, von oben, und er lächelte. Lächelte , dass die Grübchen seine Wangen zerfurchten und seine Brille sich leicht anhob .
Ihre ineinander verschlungenen Hände bildeten die einzige Brücke zwischen seiner und ihrer Kuhle und sein Finger trommelte im Takt der Musik, die den Horrorfilm auf seinem winzigen Fernseher in der Ecke unterlegte , auf ihren Handrücken.
„Der Film ist scheiße“, stellte sie trocken fest .
„Ist er nicht. Lass ihn auf dich wirken, der wird noch wirklich gut, wirklich wirklich!“
Sie lachte spöttisch und er setzte sich auf, aufgeregt, mit Augen, die mit dem Licht, das sich immer noch in seiner Brille spiegelte, um die Wette glitzerten.
Und dann passierte es.
Wie sie so unten in ihrer Kuhle lag , sein Kopf gefühlte Kilometer von ihrem entfernt und sie sich eigentlich unwohl fühlen sollte, so tief in die Matratze gedrückt, da spürte sie es ganz plötzlich und unerwartet und nachdem sie längst nicht mehr dachte, dass es passieren würde: Sie merkte, sie könnte ihn lieben, ihn tatsächlich irgendwann so lieben , dass er und sie etwas wären, wirklich etwas wären, mehr als die Schwärmerei, mit der es angefangen hatte. Mehr als das, was sie jetzt waren, verliebt und vielleicht auch ein bisschen unsicher. Sie könnte diesen Mann, wie er dort über ihr saß, wild gestikulierte und den überraschenden Plottwist in den letzten Minuten erklärte, lieben, tatsächlich so lieben, wie sich jeder wünscht, jemanden zu lieben, und es wäre nicht schwer.
Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag.
„Was guckst du so? Immer noch nicht überzeugt ?“ Seine Hand , die immer noch warm von ihrer war, strich flüchtig über ihre Wange.
„Liebst du mich?“
Er neigte leicht seinen Kopf, blinzelte, räusperte sich. „Nein. Liebst du mich?“
Sie hielt seine Hand an ihrer Wange fest.
„Nein.“
Sanft strichen seine Finger über ihre Lippen.
„Werden wir uns irgendwann lieben?“
Er verschwand in seiner Kuhle wie ein scheues Tier, die Brücke zwischen ihnen nie durchbrechend.
Sie wartete unbeweglich, bis er antwortete.
„Ja.“
Dann noch mal, nachdrücklicher.
„Ja, ich glaube ja!“

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