Rote Schuhe und mehr aus der Autorenwerkstatt

Unglaublich, was für unterschiedliche Geschichten das immer gleiche Bild auslösen kann. Ein Foto von altmodischen roten Mädchenschuhen zum Beispiel, aufgenommen auf dem Newski-Prospekt in St. Petersburg. Dieses Foto war Schreibanregung in der Werkstatt für junge Autorinnen und lockte ein verblüffendes Panorama von Texten und Stimmungen hervor.

Die hier nachzulesende Geschichte von Jerusha hat uns auch deshalb besonders gefallen, weil jede Menge Anspielungen darin versteckt sind: Figuren und Motive aus Texten von anderen in der Gruppe und Zitate aus eigenen Geschichten. Wer unsere Lesung im Oktober besucht hat, erkennt vielleicht auch etwas wieder.

rote-schuhe

Foto: Beate Schäfer


Jerusha Präpst: Schuhe für die Ewigkeit oder die Ambivalenz des Lächelns

10. März 1935
Dana drehte das Geschenk in ihren Händen, ganz vorsichtig, denn Geschenke waren kostbar. Als ihr Vater ihr aufmunternd zunickte, löste die Fünfzehnjährige behutsam die Schleife und schlug das Papier zur Seite. Sie öffnete die Schachtel und sah auf Schuhe. Rote Lackschuhe, kleine Größe. In der hellen Frühlingssonne spiegelten die Schuhe ihre Umgebung. Die bunten Wohnwägen, Feuerstellen, selbstgenähten Kleider, Danas Hund Wotan. Das Mädchen strahlte, drückte die Schuhe fest an sich. „Alles Gute, Dani!“ Sie sah auf, blickte ihren Brüdern entgegen. Der jüngste hielt ihr ein geschnitztes Holzzebra entgegen. „Danke, Jojo.“ Sie drückte ihn an sich.
Dana lächelte glücklich.

12. Mai 1936
Cara zupfte an dem bunten Kleid ihrer älteren Schwester. „Ich fass es nicht, dass du ihn tatsächlich heiratest, obwohl er dir nichts zu bieten hat.“ Sie klang aufgeregt, nicht anklagend. „Er liebt mich und das reicht mir“, erwiderte Dana. Heute war es endlich soweit. Sie würde heiraten. Sie war jung, ja, aber sie konnte es nicht erwarten. Dana trat aus dem Wohnwagen, stellte sich abseits, sah auf ihre kleine Siedlung. Jojo trat neben sie. „Schon aufgeregt?“ – „Ein bisschen.“ Sie lächelte. Er nahm ihre Hand, führte sie zu der Zeremonie und sah Arek streng an. „Pass gut auf meine Schwester auf.“ Arek grinste schief. „Das werde ich, Jojo, das werde ich.“
Jojo lächelte beruhigt.

17. September 1936
„Einreihen, weitergehen, los, los, los!“ Dana lief, Areks Hand fest mit der ihren verschlungen, durch das Spalier von Gebrüll, Hass und Schlagstöcken, die auf sie niederprasselten. Der jungen Roma liefen Tränen über die Wangen. Sie wusste, was sie erwartete. Oder zumindest glaubte sie es zu wissen. Schließlich blieb die Masse stehen, wurde in Waggons verfrachtet, angespuckt, geschlagen. Wie ein Tier kam Dana sich vor. Sie wollte schreien, schluchzen, weinen, doch ihre Kehle war trocken, und ihre Augen brannten nur noch, ihre Tränen waren längst im Boden versickert. In der Dunkelheit zusammengepfercht, neben sich ein kleines Mädchen, döste sie, träumte, schrak auf, verzweifelte. Der Güterzug ratterte unablässig voran und sie verlor jedes Gefühl für Zeit und Raum. Sie fasste das Mädchen neben sich am Arm, zog es in ihre Umarmung, erfragte seinen Namen. „Meilin,“ sagte die Kleine, drückte ihr etwas Weiches in die Hand und flüsterte dann: „Und das ist Quill, mein Elefant. Er ist ganz himmelblau und süß. Ich hab ihn mitgenommen, damit er allein daheim keine Angst hat.“ Dana schluckte, schmeckte Salz auf ihren Lippen, merkte, dass sie weinte. Ihr Mann drückte ihre Hand und strich dem Kind über den Kopf.
Arek lächelte traurig.

20. September 1936
„Rechts, rechts, links, rechts …!“ Der Uniformierte wies jedem seine eigene Richtung. Arek, der kräftig war, kam wie Dana nach rechts, Meilin nach links. „Seh ich dich wieder?“ Die Frage des Mädchens blieb unbeantwortet, ein Mann schob es mit Gewalt in die ihm zugewiesene Richtung. Dana stolperte hinter den anderen her. Ausziehen, Wertsachen abgeben, Kette, Zebra, Ehering, die Haare fehlten ihr, als sie schließlich die Hütte verließ. Bildeten nur weitere lange braune Striche auf den Fliesen. „Wo ist mein Kind?“ Eine verzweifelte Mutter, schottischer Akzent, rote Haare, die von einem braunhemdigen Mann ein boshaftes Nicken erntete. „Da, Nummer …“ Er schielte auf ihren Arm. „48743.“ Er deutete auf Rauch, der aus einem der Schornsteine wehte, drehte sich um, Danas Schuhe, sie glitzerten in der Sonne, in der Hand. Heinz Mahr, der Schuhträger, lachte über einen Spruch eines Kollegen, während Dana  weinte, sie hörte in dem aufsteigenden Rauch ein Geräusch, es war das Tröten eines himmelblauen Elefanten. 48743 schrie und schluchzte, doch der Uniformierte betrachtete sie nur völlig emotionslos. Nicht völlig.
Heinz lächelte grausam.

24. Dezember 1936
„Hier, meine Süße. Frohe Weihnachten.“ Rosa überreichte ihrer jungen Tochter ein Päckchen. Amalie riss es sofort auf. In ihren Händen hielt sie Schuhe, rote Lackschuhe, kleine Größe. Sie grinste, betrachtete sie, wendete sie in ihren Händen. Rosa war stolz auf Heinz, es war ein schönes Geschenk. Nicht, dass Amalie sich die Schuhe gewünscht hatte, aber offensichtlich gefielen sie ihr. Die Mutter betrachtete die blonden Haare ihrer Tochter. Blonde Locken und hellblaue Augen.
Rosa lächelte zufrieden.

19. Juni 2008
Lisa zog die Schachtel mit dem rosafarbenen Deckel unter dem Bett hervor, setzte sich und öffnete sie. Eine Kiste voller Erinnerungen. Sie nahm Fotos heraus, Bilder ihrer Kindheit, Jugendzeit, ihres Lebens. Und da war der Artikel, ganz zerschlissen, obwohl er noch nicht alt war. „26-Jähriger ertrinkt im See“ Sie seufzte, strich darüber, legte das Blatt zurück und schloss die Kiste. Stattdessen durchforstete sie die Akten ihres Urgroßvaters. Seit einem Jahr beschäftigte sie sich nun mit ihm, und was sie herausfand, bestürzte sie mehr und mehr. Er hatte genaue Aufzeichnungen, Fotos von den Dingen, die er den Menschen weggenommen hatte. Er hatte es genossen. Ihre Erinnerungen an einen liebevollen Mann mischten sich mehr und mehr mit den Erkenntnissen über seine Grausamkeit. Was für ein Schauspieler er doch gewesen war, voller Hass und doch … voller Liebe!
Lisa lächelte bitter.

20. Juli 2008
Lisa trat in die Praxis ihrer Mutter, sie wollte im Wartezimmer auf sie warten, mit ihr zu Mittag essen. Sie wanderte in dem Zimmer umher, als eine kleine Figur auf der Fensterbank ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Irgendwoher kannte sie das Holztier doch. Und dann wusste sie es. Aus den Akten. Ihre Mutter erklärte es ihr. Viel zu erzählen gab es nicht. Verstaubt hatte das Tier aus einer der alten Schachteln geschaut und ihre Mutter hatte es kurzerhand  in ihre Praxis gestellt. „Ich brauche es“, sagte Lisa und ihre Mutter zuckte mit den Schultern. „Nimm es ruhig.“ Jetzt, nach der Mittagspause stand sie wieder in dem kleinen Raum. Die junge Frau trat an das Fensterbrett und nahm das Tier. Ein Mann im Anzug und eine alte Frau sahen interessiert zu, sagten aber nichts. Lisa strich behutsam über das Holz, wiegte das kleine Zebra in ihren Händen. Als sie an der alten Frau, Ingrid, dem Stammgast der Praxis, vorbeiging, das Tier noch immer beschützend haltend, fiel ihr Blick auf sie.
Ingrid lächelte versonnen.

7. August 2009
Was war das? Lisa strich über die Unterseite ihrer Schuhe. Rote Lackschuhe, kleine Größe. Mit einer Gravur in der Sohle, die ihre nie aufgefallen war. „Wer zum Geier ist Dana Schostov?“ – „Hm?“ Erst als ihre Mutter fragend aufsah, merkte Lisa, dass sie die Frage laut gestellt hatte. „Woher sind die Schuhe?“ Sie hatte die Geschichte schon dutzendmal gehört, doch sie lauschte ihrer Mutter, die sie geduldig wiederholte. Lisa hatte sie von ihrer Mutter Sophia, die sie wiederum von ihrer Mutter Amalie hatte. Amalie wiederum hatte die Schuhe von ihrem Vater zu Weihnachten bekommen. Das war 1936 gewesen. Und die Schuhe waren noch immer intakt. Lisa staunte, doch ihre Miene war düster. „Wenn Urgroßvater irgendetwas damit zu tun hatte, waren die Schuhe bestimmt nicht aus einem Second-Hand-Laden“, knurrte sie. Außerdem meinte sie sich dunkel an den Namen zu erinnern und redete leise vor sich hin.
Sophia lächelte neugierig.

10. März 2010
Die alte Frau drehte das Päckchen in ihren Händen, vorsichtig, mit zittrigen Bewegungen. Schließlich öffnete sie es, zog ein Blatt heraus und faltete es auseinander. „Besser spät als nie. Mir tut leid, was damals geschah. L. M.“ Mehr nicht. „Was ist das?“ Eine knochige Hand legte sich auf ihre Schulter. „Ich weiß es nicht.“ Ihre Stimme war so zittrig wie ihre Hände. Vorsichtig löste sie das Schnürband, das um eine kleinere Kiste gewickelt war, und öffnete diese dann langsam. Ihre Augen weiteten sich. Eine Kiste voller Erinnerungen. Er nahm das kleine Holzzebra, wiegte es in den Händen, strich über das „Jojo“, das in schiefen Lettern eingeritzt war. Sie hielt Schuhe in der Hand. Rote Lackschuhe, kleine Größe. Sie nahm ihm das Tier aus der Hand, presste es an ihre Brust, zusammen mit den Schuhen. Als er sie küsste, fielen ihre langen grauen Haare in sein Gesicht und er lachte leise. „Bist du glücklich?“ Fragte er. Es war die einfachste Frage der Welt und zugleich die komplexeste. Sie zögerte keine Sekunde. „Ja. Nicht wegen der Schuhe, aber auch.“ Sie küsste ihn.
Arek lächelte liebevoll.

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