Nichts als Gefasel? – Leseeindrücke zu Krachts „Faserland“

Die Internationale Jugendbibliothek freut sich immer über engagierte Lektüre! Diesmal hat sich die Oberstufenklasse eines baden-württembergischen Gymnasiums näher mit Christian Krachts  Faserland auseinandergesetzt – für diesen Blogbeitrag wurden nun zwei der dabei entstandenen Rezensionen ausgewählt:

Wir, das SGG11 der Hans-Thoma-Schule Titisee-Neustadt, haben den Roman Faserland von Christian Kracht gelesen. Über dieses Buch haben wir diskutiert, wir haben es interpretiert und schlussendlich eine Buchrezension verfasst. Wir haben Werbeplakate kreativ erstellt und uns mit den Beziehungen zwischen den Personen auseinandergesetzt. Mit dem Buch gelang dem Autor ein fesselnder und gleichzeitig verwirrender Roman.

 

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Selbstgestaltetes Plakat zur Reise des Protagonisten

 

Eine Reise zu sich selbst

Wenn Autoren in ihren Büchern eine Reise beschreiben, schicken sie ihre Protagonisten gerne durch viele Länder, lassen sie Abenteuer erleben und vor allem zu sich selbst und zu ihrem inneren Frieden finden. So auch Christian Kracht, der seinen Ich-Erzähler im Roman Faserland eine Reise „einmal quer durch die Republik“ machen lässt und dabei vor allem die Selbstfindung und Schuld in den Vordergrund stellt.

Der schweizerische Autor Christian Kracht (geboren 1966) führt in seinem Roman die Schwierigkeit der Selbstfindung an, die sehr oft mit Schuld und Traurigkeit einhergeht. Was man über den Ich-Erzähler erfährt, ist wenig: Er bleibt während des gesamten Romans namenlos, raucht und trinkt, legt sehr viel Wert auf Äußeres und Marken und läuft vor Problemen davon. Seine Gedankengänge sind oft schwer nachzuvollziehen, denn er macht sich nur Gedanken, die absolut nicht von Belang sind.
Seine Reise beginnt auf Sylt, wo er schon als Kind mit seinen Eltern war. Er trifft alte Bekannte, betrinkt sich und haut wieder ab, nachdem es ihm zu schwierig wird. Als nächstes geht er nach Hamburg zu seinem Freund Nigel. Es folgt ein Drogen-und Alkoholexzess auf einer Party (wie so oft), „(…) ich stecke mir das Ding in den Mund (…) und spüle es mit einem großen Schluck Prosecco aus der Flasche runter (…)“ (S. 43), danach verschwindet der Ich-Erzähler wieder schnellstmöglich.

Nach Hamburg kommt Frankfurt und auch dort sieht es nicht anders aus. Erinnerungen an alte Freunde, mit denen nun kein Kontakt mehr besteht, prägen die Geschichte. Der Protagonist denkt nach und versucht sich an Details zu erinnern, macht aber keine Anstalten, jene Freundschaften wieder zu beleben. Er bemerkt in jeder Stadt und bei allen Leuten, die er trifft, dass sie alle gar keine wahren Freunde sind und es immer nur eine oberflächliche lakonische Freundschaft war und ist. Deswegen verschwindet der Protagonist auch immer so schnell wie möglich wieder, weil er diese Situationen nicht erträgt. Auch nach dem Selbstmord eines noch fast besten Freundes, verschwindet der Ich-Erzähler, obwohl er ganz genau weiß, dass er es hätte verhindern können. Dessen ist er sich danach mehr als bewusst.

Es folgen weitere Stationen wie Heidelberg, München und Meersburg, nach denen auch die Kapitel des Buches eingeteilt sind. Die Handlung ändert sich dabei nicht. Der Ich-Erzähler leidet unter dem Leben in Deutschland, bezeichnet alles als ein „Nazi-Leben“ und auch die Deutschen sind für ihn alle Nazis: „Dabei sieht man es ihm im Gesicht an, dass er einmal KZ-Aufseher gewesen ist oder so ein Frontschwein (…)“ (S. 97). Es wird während des gesamten Romans leider nicht klar, weshalb der Protagonist alles mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringt.

Krachts Sprache ist ich-bezogen, es geht überwiegend nur um den Ich-Erzähler selbst, nur seine Gedanken handeln von anderen Personen, da er sich zu jedem eine Geschichte ausdenkt. Besonders an den Taxifahrern in allen Städten lässt er kein gutes Haar: „Aber das würde der Taxifahrer nicht verstehen, weil er sonst ja auch ein Jackett von Davies & Sons tragen würde (…)“ (S. 32).
Es ist offensichtlich, dass der Ich-Erzähler oberflächlich und arrogant ist, was sich auch bis zum Ende des Buches nicht ändert. Das ganze Buch besteht aus Monologen über unwichtige Dinge, die nicht wesentlich zu einem interessierten Lesen beitragen. Krachts Kommentar zu seinem Buch: „Der Erzähler faselt ja eigentlich nur. Das ganze Buch ist ja eigentlich ein Monolog (…)“¹ Dem kann man zustimmen, denn der Ich-Erzähler faselt nur über absolut uninteressante Dinge. Daher stammt auch der Titel des Buches.

Der Ich-Erzähler ist ein sehr unsympathischer Typ, da sich seine einzigen Interessen auf Zigaretten, Alkohol und Marken beschränken. Er nervt regelrecht, wie er alles und jeden nach dem Aussehen oder der Kleidung bewertet. Er selbst betont immer wieder, wie viele Marken er gerade am Körper trägt oder im Schrank hängen hat. Die Marken sind ein zentrales Thema in Faserland, da er ohne sie gar nicht in seinen angeblichen „Freundeskreisen“ verkehren könnte.

Faserland ist das erste Buch von Kracht, mit dem er 1995 den Boom der Popliteratur auslöste. War sein zweites Buch 1979 „ein sehr konsequentes, sehr trauriges Buch“², in dem es um die von zwei jungen Männern erlebte islamische Revolution geht, so kann man dies nicht von Faserland behaupten. Konsequent ist allein das Gefasel des Ich-Erzählers und traurig ist nur sein oberflächliches Dasein.
Das einzig Tiefsinnige an seiner Person sind seine Gedanken.

Über das Ende des Buches soll hier nichts verraten werden, jedoch lässt sich darüber streiten.
Es gibt viele unterschiedliche Ansichten darüber, doch selbst laut des Autors Christian Kracht kann man es nicht so genau deuten.
Fest steht: Wer Bücher mag, in denen es um ernste Themen wie Selbstfindung, Schuld und Enttäuschungen geht, sollte das Buch lesen.
Dann ist das Gefasel vielleicht auch nicht mehr so schlimm.

Von Rebekka

¹ Christian Kracht, erschienen im „alpha ARD Bildungskanal“, 2016.
² Elmar Krekeler, erschienen auf dem Cover von 1979.

 

Einmal quer durchs Land – Faserland

Einen etwas anderen Roman über das Reisen erschuf der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht mit seinem Debütroman Faserland. Ein unbekannter Ich-Erzähler faselt regelrecht in einem Monolog über seinen Trip durch Deutschland und seine Eindrücke von den Menschen.

Zu Beginn des Romans befindet sich der Ich-Erzähler auf der Nordseeinsel Sylt, dort trifft er Karin, eine Bekannte aus seiner Jugend. Die beiden fahren gemeinsam an einen Strand, um zwei gute Bekannte von Karin abzuholen und dann in eine Bar. Der Abend endet am Strand mit einem Kuss zwischen Karin und dem Erzähler.
Wer nun glaubt, es handle sich bei dem Roman um eine Liebesgeschichte, hat weit gefehlt, denn schon am nächsten Tag beginnt die Reise des Ich-Erzählers, die sich einmal quer durch Deutschland erstrecken wird und dessen Ziel selbst dem Ich-Erzähler unbekannt ist.

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Selbstgestaltetes Plakat zum Beziehungsgeflecht der Romanfiguren

Die Hauptfigur verschlägt es zuerst nach Hamburg zu seinem alten Freund Nigel. Dieser überredet den Erzähler auf eine Party mitzukommen, auf der sie Alkohol und Drogen konsumieren. Nachdem der Ich-Erzähler nach der Party allein bei Nigel zu Hause ankommt und diesen in seinem Schlafzimmer bei Spielchen mit zwei weiteren Partygästen auffindet, ergreift er regelrecht die Flucht: „Ohne irgendwas zu sagen, ziehe ich die Tür hinter mir zu und nehme mit den Koffer […]. Dann gehe ich zur Tür hinaus, hinunter auf die Straße […].“ (S. 52)

Während seiner Reise flieht der Ich-Erzähler immer wieder aus für ihn schwierigen Situationen und lässt seine Freunde und Bekannte, wie Rollo, der daraufhin stirbt, im Stich, wenn diese seine Hilfe am meisten benötigen. Dies tut er wohl, um Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit und den Personen aus dem Weg zu gehen und um sich der Verpflichtung zu helfen zu entziehen. Ein weiterer Grund für seine Ausreißer ist bestimmt auch die immer wieder auftretende Erkenntnis, dass er eigentlich keine richtigen Freunde hat und sich selbst ebenfalls nicht wie einer verhält.

Christian Kracht charakterisiert seinen Ich-Erzähler als eine reiche, arrogante und oberflächliche Person. Neben seinem offensichtlichen Vermögen, das ihm das Reisen ermöglicht und der ausgeprägten Kenntnisse über Markenprodukte, denkt sich der Erzähler immer die ausgefallensten Geschichten zu den Personen, die er trifft aus, sei es bei den Taxifahrern oder bei Freunden wie Nigel.

Da es sich bei dem Roman um einen Monolog des Ich-Erzählers handelt und er neben dem, was er erlebt noch aus seiner Vergangenheit berichtet, verliert sich der Ich-Erzähler immer wieder in seinen Gedanken und in Details und schweift erst einmal total vom Thema ab. Dies führt beim Lesen dazu, dass das Geschehen nur schleppend vorankommt und das Verfolgen der eigentlichen Handlung schwerfällt. Jedoch gelingt es Christian Kracht durch die teilweise absurden Gedanken des Erzählers den Leser wiederum an die Geschichte zu fesseln.

„Ich stelle mir das vor, wie The Clash Sandinista singen oder Spanish Bombs in Anadaluҫia, […] und die Tuareg heizen mit diesen blöden Kleinwagen durch die sengende Wüste, und ab und zu schießt einer mal aus dem Fenster in die Luft und alle haben einen irrsinnigen Spaß dabei.  (S. 125)“

Das Ende des Romans wird von Christian Kracht offen gestaltet. Der Ich-Erzähler fährt mit einem unbekannten Bootsbesitzer auf einen See in Zürich und dem Leser werden nur die letzten Gedanken des Erzählers vermittelt, der die Mitte des Sees sehnsüchtig erwartet. Der Leser kann sich nun selbst entscheiden, was mit dem Ich-Erzähler geschieht:
„Bald sind wir in der Mitte des Sees. Schon bald.“ (S. 165)

Vergleicht man Faserland mit dem 2001 erschienenen und ebenfalls von Christian Kracht verfassten Roman 1979, so lässt sich eine deutliche Parallele feststellen. Denn in dieser Lektüre reist der Erzähler ebenfalls und zwar durch den Iran. Eine weitere Ähnlichkeit bildet wohl, dass sich auch in 1979 der Erzähler gerne in Details verliert. Doch anders als in Faserland geht es in diesem Werk nicht um gesellschaftliche Aspekte, sondern um politische Themen, wie eine islamische Revolution.
Weitere Werke von Christian Kracht sind Imperium und Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, die jeweils 2008 und 2012 erschienen sind.

Wendet man sich nun noch einmal den inhaltlichen Themen von Faserland zu, kann man sagen, dass das Buch auch heute noch sehr aktuell ist. Obwohl es im 20. Jahrhundert spielt, setzt es sich mit wichtigen Themen unserer Gesellschaft auseinander, wie Drogen, Alkoholkonsum und auch Oberflächlichkeit. Diese Themen betreffen heutzutage besonders die jungen Leute. Aus diesem Grund ist der Roman auch für Jugendliche sehr interessant und lesenswert.

Von Tamara

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