Wenn ich schreibe … (Teil 2)

Was passiert eigentlich, wenn ich schreibe? Diese Frage haben die jungen Autorinnen und Autoren aus der Werkstatt in der Blutenburg ganz unterschiedlich beantwortet. Zwei Texte dazu haben wir im Blog schon vorgestellt. Heute zwei neue Antworten von Amanda und Athena.

Wenn ich schreibe,
fliegt der Stift über das Papier; er will eine Geschichte erzählen. Ich lasse ihn schreiben und lese heimlich mit. Ich bin erstaunt über die schönen Formulierungen, die der Stift auf das Papier bringt.

Wenn ich schreibe,
ist es mitten in der Nacht. Ich liege im Bett und ein Gedicht springt in meinen Kopf. Es verbeißt sich hartnäckig und lässt nicht mehr los. Ich seufze, mache das Licht an und schreibe es auf.

Wenn ich schreibe,
verschwindet die Welt um mich herum. Plötzlich kann ich fliegen oder Gedanken lesen oder jemanden laut „Scheiße“ rufen lassen. Ich bin ein Gott, allmächtig. Es macht Spaß, andere Leute etwas Verrücktes machen zu lassen. Tim hat sich ein Eis über den Kopf gekippt.

Wenn ich schreibe,
formen sich Bilder in meinem Kopf. Ich zeichne das Bild mit Worten ab. Die Adjektive bieten sich mir an wie auf einer Ausstellung. Manchmal werden es zu viele, dann streiche ich ein paar wieder aus.

Amanda Kötting

 

Wenn ich schreibe, dann steigen Luftschiffe auf, mit Maschinendampf und Geratter.
Oder es wachsen Bäume, bis in den Himmel, in deren Ästen und Blättern Magie pulsiert.
Oder ein Straßenjunge rettet den Diebesanführer vor den Sandstürmen der Dünen der Sahara.
Oder ein alter, alter Mann trifft in Eis und Schnee seinen lang verstorbenen Freund.
Oder es entbrennt ein Krieg zwischen Nationen, deren Kriegstrommeln und ihrer Pferde Hufgeklapper die Erde erschüttert.
Oder hoch im blauen Himmel, vorbei an ihn spiegelnden Fenster, höher und höher und freier, fliegt ein Vogel allein.
Oder ein Abenteurer, ein Wanderer, findet, von Stürmen umtost, endlich den Ort seiner Kindheit.
Oder aus einer Hafenstadt findet ein fischiges, kaltes Kind, das an Land gespült wurde, den Weg zurück in die Tiefen des Meeres.
Oder von hoch oben, von einer Welt in den Wolken, kommt ein Mädchen gefallen.
Oder, vom Wind getragen, zieht ein Adler weit über die einsamen Ebenen.

Oder eine laute Welt versinkt in der Stille des Regens.

Athena Tsakoumagos

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