Neue (Sinnes-)Eindrücke aus der Autorenwerkstatt

Die Welt ganz bewusst wahrzunehmen, sie nicht nur zu sehen, sondern zu hören, zu riechen, zu schmecken – das bereichert nicht bloß das eigene Leben, sondern ist auch gut fürs Schreiben. Eine Übung in der Werkstatt für junge Autorinnen und Autoren, die in diese Richtung ging, hat Lisa Brendel zu dem folgenden Text angeregt:

RIECHEN UND HÖREN

Oh nein. Mein Wecker klingelte. Ein lautes, monotones Piepen. Das letzte Mal, als ich es hören musste, war vor sechs Wochen. Aber die Sommerferien waren jetzt vorbei.
Ausblick Fenster Stadt
Heute war Montag, 1. Schultag an einer neuen Schule. Wir waren nämlich umgezogen. Langsam stand ich auf und tastete mich zum Fenster. Öffnete es. Von draußen Gestank von der Hauptstraße, Lärm von Autos und Kindern, die zur Grundschule aufbrachen.
Rauschen. Hupen. Lachen. Kreischen. Eine Sirene.
Mein Zimmer kannte ich in- und auswendig. Ich lief zum Stuhl und zog mich an. Öffnete die Zimmertür.

Der Duft von Papas Pfannkuchen strömte durchs Treppenhaus. Die machte er immer, wenn er mich aufmuntern wollte. Er wusste, dass ich wegen der neuen Schule nervös war. Die Treppen knarzten, als ich runterging. In der Küche hörte man es brutzeln.

,,Guten Morgen, Liv!“, kam es vom Herd. Ich lief in die Richtung. Ja, da stand er. Ich umarmte ihn kurz. Im Nebenzimmer rumste es. Dann Carlos Miauen. Es tappte auf dem Boden, dann spürte ich sein Fell an meinem Bein. Noch ein Scheppern. Mein Bruder Max rollte holpernd mit seinem Bobbycar gegen die Möbel. Oh oh, das war wohl die teure Vase aus Ägypten! Papa kam aus der Küche gerannt. ,,Max, hör auf damit! Liv, setz dich und iss, du darfst nicht zu spät kommen!“, rief er. Da hatte er recht. Hmm. Pfannkuchen mit Blaubeeren und Zimt. Mein Lieblingsessen. Danach machte ich mich auf zur Schule.

Dort angekommen, tastete ich mich mit meinem Stock über den Schulhof. Plötzlich krachte ich gegen etwas. Oder jemand. ,,Hey, hast du keine Augen im Kopf?!“, pöbelte mich dieser Jemand an. Tiefe, aggressive Stimme. Ein Junge, älter als ich. Und er stank. Nach Zigaretten, nassem Hund und Schweiß. Igitt! Ich sagte nichts und drängte mich an ihm vorbei.

Ein paar Meter weiter blieb ich stehen. Wo war ich? Es war so laut, ich konnte mich gar nicht orientieren. Auf einmal roch es nach Vanille und frischem Wind. Ein dünnes Stimmchen fragte: ,,Hallo, bist du neu hier? Ich heiße Anne und du?“

,,Hallo, ich heiße Liv. Kannst du mich vielleicht zur Klasse 9b bringen?“, antwortete ich erleichtert. ,,Natürlich. Da muss ich auch hin“, meinte Anne erfreut. Sie schien nett zu sein.

Wir gingen, ich dicht hinter ihr, in die Schule ins Sekretariat, um mich anzumelden. Danach gingen wir zu unserer Klasse. Die Schule war sehr modern. Es roch nach frischer Farbe, weißen Wänden und es hallte viel, wenn die Schüler durch die Gänge liefen. ,,Wir sind da!“, sagte Anne. Sie öffnete die Tür und plötzlich war sie weg. Ich bekam Panik. Begann zu schwitzen.

Es stank, war laut. Alles unbekannt. Es kam mir vor wie Stunden, doch nach ein paar Sekunden meinte jemand neben mir: ,,Hallo. Du musst Liv sein! Schön, dich an unserer Schule zu haben. Ich bin Frau Müller, deine Klassenlehrerin“. Ein Glück, jemand der mir hilft! Die Klasse verstummte. Gespanntes Schweigen trat ein. Man hatte mich bemerkt.

– Lisa Brendel

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