Nur für Hartgesottene: Ekliges aus der Autorenwerkstatt

Das Sommertreffen der Werkstatt für junge Autorinnen und Autorinnen war teilweise … na ja … ziemlich widerlich. Aber auch ziemlich lustig. Das lag an der Schreibaufgabe für diesen Termin: Schreib über etwas richtig Ekliges!

Wir haben festgestellt, dass sich über Ekel vor allem dann gut erzählen lässt, wenn es ein starkes Gegenprinzip gibt. Wenn sich zum Beispiel Geschwister trotz allem lieben, wenn ein Sohn unausgesprochen an seinem besoffenen Vater hängt. Oder wenn ein anderes Problem im Hintergrund steht: In einer der Geschichten bekommt ein Junge ausgerechnet an dem Tag zum ersten Mal Besuch von seiner neuen Freundin, als ein ausgeweidetes Reh in der Garage baumelt. Und die Freundin ist Vegetarierin …

Und manchmal muss es einfach komisch werden. So wie bei Amanda. Die hat sich von Andy Stantons Mr-Gum-Büchern inspirieren lassen. Hier ist ihr Text, und dazu auch gleich noch ein Bild von dem eklig-fiesen Mr Daisy.


Guten Abend allerseits!
Schön, dass ihr dieses Buch gefunden habt.

Bevor ihr weiterlest, muss ich euch jedoch warnen, denn ich werde euch gleich den widerlichsten, hinterhältigsten und bösartigsten Mann vorstellen, von dem ihr je gehört haben werdet.
In der Tat so widerlich, hinterhältig und bösartig, dass ihr nachts Albträume von ihm kriegen werdet und tagsüber bei jedem Geräusch, das annähernd wie ein sterbendes Walross klingt, zusammenschrecken werdet.
Ein Mädchen in Montezuma, einer kleinen Stadt in Kansas in Amerika, soll tatsächlich in Ohnmacht gefallen sein, als sie von ihm gehört hat.

Also überlegt euch gut, ob ihr weiterlesen wollt.

Ihr seid immer noch da?
Was für mutige kleine Kinder ihr doch seid!

Also.
Stellt euch den ekligsten, abstoßendsten und grauenhaftesten Mann vor, den eure kleinen Hirne sich nur vorstellen können. Habt ihr das? Sehr gut!

Nun multipliziert all das Eklige, Abstoßende und Grauenhafte an diesem Mann mal zehn. Na gut, sagen wir mal elf, das ist eine schönere Zahl! Könnt ihr das?

Wunderbar! Nun wisst ihr, wer Mr. Daisy ist.

MrDaisy2_bearbeitet

© Amanda Kötting

Lasst euch von seinem schönen Namen bloß nicht in die Irre führen! Denn Mr. Daisy ist Schlachter! Das sagt eigentlich schon ALLES über ihn aus, oder? Denn wer kann schon einen kleinen, zuckersüßen, komplett unschuldigen Welpen einfach so töten, um aus ihm Fleischpastete zu machen. Keiner! Siehst du.
Mr. Daisy übrigens auch nicht, aber das tut ja nichts zur Sache. Metzger ist Metzger.

Mr. Daisy jedenfalls lebt in einem kleinen, schmuddeligen Haus in der Metzgerstraße 12 (falls ihr jemals vorhattet, ihn zu besuchen, wovon ich euch aber dringlichst abraten würde, wenn euch euer Leben lieb ist) und wäscht sich jeden Morgen nicht den Bart und die Haare und putzt sich jeden Morgen nach dem Frühstück, das meist aus einer angegammelten Kalbsleber und einer verrotteten Schweinezunge, manchmal auch ein halbes Kuhaugen zum Nachtisch, besteht, nicht die Zähne! Da seht ihr mal, was für ein ungezogener Mensch Mr. Daisy ist! Seine arme, arme Mama.

Außerdem lebt in seiner Dusche eine kleine Fee, die jedes Mal wütend angeschwirrt kommt, wenn er baden möchte, und ihm mit einer Bratpfanne eins über seinen dicken, unrasierten Schädel zieht. Nein, war nur ein kleiner Scherz, ha ha! Die Fee lebt in seiner Spüle. (Übrigens duscht er trotzdem nie.)

Deshalb stehen in Mr. Daisys kleinem, schmuddeligen Haus überall Essensreste herum. Um sein Bett verteilt, das aus einer alten Metzgerschürze, die auf dem Boden liegt, besteht, (Mr. Daisy war zu faul, sich ein richtiges Bett zu kaufen), könnt ihr deshalb, wenn ihr genau hinschaut, unter dem ganzen Schimmel ein halbes Pferdebein oder auch einen Schweinekopf ausmachen.

„Harr, Harr, Harr“, brüllt Mr. Daisy gerade, während er sich den Weg zur Tür bahnt und dabei versehentlich auf einer Kalbsaugenpastete ausrutscht. „Heute ist mein Glückstag!“

Tatsächlich hatte der Tag für Mr. Daisy nicht schlecht angefangen:
Um fünf Uhr morgens ist er aufgestanden, hat den Nachbarshund erschreckt und sich dann ein Glas Kotwasser eingeschenkt. Dann hat er die Sendung: „Eine Stunde Steine“ angeschaut, in der eine Stunde lang ein Haufen Steine gezeigt wird. Die Sendung läuft immer so früh, da Mr. Daisy in ganz Europa der Einzige ist, der sie anschaut. „Eine Stunde Steine“ ist in der Tat so langweilig, dass währenddessen sogar die Läuse in seinen Haaren und die Flöhe in seinem Bauchhaar einschlafen.
Nebenher hat er Insektenlarven aus seinem Ohr gepult und gegessen.

Außerdem hat er heute vor seinem Haus ein totes Rotkehlchen gefunden, dass er sich zur Abwechslung zum Frühstück gebraten hat. Allerdings in einem Topf, da die Fee in der Spüle ja seine Bratpfanne hat, wisst ihr noch?

Und jetzt ist er gerade aus dem Haus geschlurft, um sich auf den kaputten Liegestuhl, der unter ihm eingekracht ist, in den Schatten zu legen und sich in der Nase zu kratzen.

Mal schauen. Ah, da liegt er ja!
Oh halt! Ist das etwa? Ja, es ist! Oh Schreck! Es ist nur eine Attrappe!

Der alte Mr. Daisy hat mich, den Erzähler, reingelegt!
Das kann nichts Gutes bedeuten! Was heckt er jetzt bloß wieder aus? Ihr müsst mich entschuldigen! Ich schreib euch später wieder! Jetzt muss ich schnell Mr. Daisy finden, damit er nichts macht, das so schrecklich ist, dass all meine Leser vor Schreck in Ohnmacht kippen! Sonst gehe ich pleite! Das Mädchen aus Montezuma reicht mir völlig!
Tschüss! Bis bald!

– Amanda Kötting

Die Bücher über das Vorbild für Mr Daisy, nämlich Mr Gum, stammen von dem englischen Autor Andy Stanton. Illustriert wurden sie von David Tazzyman, übersetzt von Harry Rowohlt. Die deutschsprachigen Ausgaben erscheinen bei Fischer und bei dtv junior.

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