Neues aus der Autorenwerkstatt: Hilferufer

Erzähl von deinem Leben aus der Sicht deiner Katze. Schreib deine Geschichte in Du-Form um. Probier aus, welche Themen und Szenen sich in Wir-Perspektive erzählen lassen.
Beim letzten Termin der Werkstatt für junge Autorinnen und Autoren ging es um den Point of View und die vielen spannenden Möglichkeiten, die ein bewusstes Gestalten von Perspektive beim Schreiben bietet. Als Einstieg haben alle aus der Sicht eines Gegenstands erzählt.
Fiona Fischer lässt uns in ihrem Werkstatt-Text hören, was eine Halskette zu sagen hat – ihr Engelsrufer-Anhänger hat nämlich Erschütterndes erlebt.

Hilferufer

Lass deine Finger von mir.

Stopp, halt! Da haben sie nichts zu suchen! Pfui!!

Ich ekle mich richtig vor diesen schleimigen Grapschern, die verdappen mir noch den ganzen Glanz. Ich hasse es, wenn mich jemand anderes anfasst als sie. Sie darf das, sie hat so weiche Haut und ich spüre, wie ihr Herz höher schlägt, wenn sie zuhört, wie ich klingle und klimpere.

Ich passe perfekt in die Grube unter ihrer Kehle, ich schmiege mich an ihren dünnen Hals. Sie schätzt mich, ich bringe ihr Glück, ich tröste sie. Ich bin heilig, Teufel auch!

Und dieser Teufel, der ihr und mir gegenüber sitzt, der soll sich gefälligst von mir fernhalten. Seine Hände haben so nah an ihrem Ausschnitt eh nichts verloren! Sie will dieses Date nicht mal. Sie hat auf den schlabberigen, fusseligen alten Rollkragenpulli nur verzichtet, damit man mich auch gut sieht. Sie braucht mich! Ich bin ihr Engelsrufer, und deshalb weiß ich, dass dieser Typ uns gegenüber nur der Schatten ihres Traumprinzen ist, dass sie sich wochenlang vor diesem erzwungenen Treffen gefürchtet hat und eigentlich gar nicht mit ihm reden will, aber viel zu nett ist, um ihm einen direkten Korb zu geben. Und dann kommt das.

Schätzchen, wenn du vorher noch eine Chance gehabt hättest, dann hast du jetzt echt verschissen!

Sag mal, man fragt doch, bevor man sich so über den Tisch lehnt und nach einer fremden Halskette grapscht, als würde man ohne Metall-auf-Haut-Kontakt ertrinken!

„Darf ich…?“

Ähm, nein?! Sie winselt nichtssagend, sie ist zu tapfer. Sie will es genauso wenig wie ich, aber ich glaube, sie traut sich nicht, „Nein“ zu sagen. Er ist schon viel zu nah, sie schon viel zu ungeschützt und verletzlich, da ergibt sie sich dem Raubtier. Er hält eh nicht inne, um eine Antwort abzuwarten.

„So wunderschön“, haucht er. So ein Schleimer. Ich meine, er hat Recht, aber ich bin nur für sie schön. Und dann kommen diese rauen, situationsschwitzigen Fingerspitzen und umschließen mich.

Das ist das Ende.

Diesen Makel kann nicht mal Ethanol mehr wettmachen.

 

image2

© Fiona Rachel Fischer

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Schreibwerkstatt abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s