Literarisches Gefühlschaos aus der Autorenwerkstatt

Freitag: Die stille, heimliche Freude, die man empfindet, obwohl oder weil die trockenen Herbstblätter vom Wind alle genau auf einen selbst zu geblasen werden.

Samstag: Die unterschwellige Erhabenheit, wenn man vor einer erleuchteten, besäulten Oper steht, auch wenn man gar keine Karten hat.

Sonntag: Der kindische Triumph, wenn man in einer Universität wie selbstverständlich mit den Studenten abhängt, obwohl man selbst noch nicht mal das Abitur hat.

Jeder kennt das: Gefühle so in Worte zu fassen, dass andere sie nachvollziehen können, ist ganz schön knifflig. Erst recht in erzählenden Texten, in denen für die Leser lebendig werden soll, was den Figuren in Herz und Kopf und Seele herumgeht. In der Werkstatt für junge Autorinnen und Autoren der Internationalen Jugendbibliothek ist die Darstellung von Gefühlen jedenfalls immer wieder ein großes Thema.

Anregungen dazu gibt es in einem Buch von Mario Giordano. Es heißt 1000 GEFÜHLE, FÜR DIE ES KEINEN NAMEN GIBT und ist nach Zahlen geordnet. Fiona Fischer hat nach diesem Muster für ein paar Tage ein Gefühlstagebuch geführt; die Beispiele oben stammen von ihr.

Lucie Roller hat eine Geschichte zu dem Gefühl mit der Nummer 123 geschrieben: Die rasende Wut, wenn du reden willst und er nur verstockt schweigt.

Den Text könnt ihr hier nachlesen – auch das Foto dazu stammt von Lucie.

Text Lucie 2

„Hey, ich bin‘s.“

„Hey.“

Stille.

„Okay, also, ähm, ich wollte eigentlich nur wissen, ob du schon mit Lara geredet hast.“

„Nee, wegen was denn?“

„Du weißt wieso, wegen …“ Ich verkneife mir das ‚uns‘, das gehört weder in sein noch in mein Leben. „… wegen dem, was in den Sommerferien passiert ist.“

„Das ist meine Freundin, ich weiß schon, was ich ihr erzähle und was nicht.“

Seine Stimme klingt entspannt. Ist er sauer oder nicht? Ich kenne ihn nicht gut genug, um das am Telefon rauszuhören. Ist da unterdrückter Ärger gewesen oder ist er tatsächlich so entspannt? Ich weiß nicht, was mich mehr aufregen würde! Ich hole Luft.

„Ich habe mir mal vorgenommen, mich niemals in die Beziehung von anderen einzumischen, aber das hier geht nicht nur euch, sondern auch uns was an –“ Stocken. Wie soll ich weitermachen? In mir kämpft das Gefühl, endlich mal erwachsen zu sein und vernünftig zu handeln, gegen meinen absoluten Unwillen, so ein unangenehmes und peinliches Gespräch zu führen. Und die widerwillige Seite wird gewinnen, wenn ich weiter schweige. Wieder Luft holen. „Wir wussten beide, was wir tun, und ich finde es nicht fair, es Lara nicht zu sagen. Vielleicht erfährt sie es, vielleicht auch nicht, aber ich glaube, weder du noch ich können das mit unserem Gewissen ausmachen.“

Stille.

„Dadurch, dass wir es geheim halten, fühle ich mich nicht nur wie eine … egal, sondern auch wie eine Lügnerin. Und ich weiß, dass ihr gerade eine schwierige Phase durchmacht, da will ich nicht schuld sein, wenn es wegen mir ganz auseinanderbricht.“

Nur gleichmäßige Atemzüge.

„Überschätz dich mal nicht.“ Ich höre das zwinkernde Grinsen in seiner Stimme.

„Hallo, hast du mir überhaupt zugehört?! Es fällt mir echt verdammt schwer, noch mal darüber zu reden –“

„Dann tu es nicht.“

„– weil dann kann ich nicht mehr so tun, als hätte ich das nicht getan, was ich bei andern immer am meisten verurteilt habe. Ich fühle mich, als wäre ich unter Dauerspannung, und ich bin mir sicher, dass mir jeder irgendwie ansieht, was ich für ein ‚schlechter‘ Mensch bin.“ Hoffentlich hört er die Anführungsstriche. Wenn nicht, denkt er wahrscheinlich, ich wäre voll die selbstmitleidige und selbstgerechte Person.

„Macht dich eine einzige schlechte Tat gleich zu einem schlechten Menschen?“, fängt er an zu philosophieren.

„Mann, lass das. Kannst du es mich bitte einfach zu Ende bringen lassen?“ Ich lasse den genervten Seufzer da, wo er hingehört, und versuche meinem erwachsenen Ich den Vortritt zu lassen. „Wenn wir mal ehrlich sind, war es auch keine so große Sache, wir hatten keinen Sex und auch keine Gefühle, und wenn wir es verschweigen, wird das so aufgeblasen. Falls sie es dann doch erfährt, ist es viel schlimmer, weil sie es dann als Vertrauensbruch empfindet und sich die ganze Zeit fragt, wieso du es ihr nicht erzählt hast …“

Stille.

Aaarrrrggh, wieso kann er nicht irgendwie reagieren? Ich komme mir immer bescheuerter vor. Es war wahrscheinlich doch keine so gute Idee, ihn anzurufen. Wir werden uns sowieso nie wieder zufällig über den Weg laufen, und seine Beziehung kann mir herzlich egal sein. Außerdem ist es ja nicht so, als wäre es meine alleinige Schuld, er hat schließlich angefangen. Mann, ich bin so sauer auf ihn, weil das ihn anscheinend so kalt lässt. Mein Magen hat schon einen dreifachen Knoten und meine Hände sind eiskalt schwitzig.

Wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, ziehe ich das nur durch, weil ich mit meinem Freund darüber gesprochen habe und ihn jetzt nur noch Ex-Freund nennen kann. Und wenn ich noch ehrlicher bin, lässt mich das kälter, als es sollte. Von Liebeskummer weit entfernt, aber ich weiß, dass es bei ihm anders aussehen wird, und ich habe dieses Verantwortungsgefühl ihm gegenüber und will nur, dass er das besser hinbekommt. Meine halbherzige Beziehung war nicht so ein hoher Preis, aber seine wird es sein, ich habe ihm immerhin sechs Wochen zugehört.

„Ich bin mir sicher, dass du dich auch besser fühlst, wenn du mit ihr redest. Du hast dich so liebevoll angehört, wenn du über sie geredet hast. Sei ihr gegenüber ehrlich, auch wenn es wehtut, dafür könnt ihr danach gereinigt … nein, das hört sich blöd an, aber du weißt schon, was ich meine, neu anfangen.“ Hoffentlich.

Leise Atemzüge.

Merkt er denn gar nicht, dass ich ihm nur helfen will, oder unterstützen oder was auch immer? Er soll meine Kackhilfe annehmen! Nein, es war definitiv die falsche Idee, ihn anzurufen.

Verdammt, wieso checkt er nicht, was ich will? Und in dem Moment, wo ich auf mein vernünftiges Ich verzichte und gerade den Mund aufmachen will, um ihm haltlose Vorwürfe an den Kopf zu knallen, fängt er an zu sprechen.

„Was ist, wenn es für mich doch eine große Sache war und ich nur zu feige bin, mit Lara zu sprechen?“

DAS wollte ich auf GAR KEINEN Fall hören!

Wie bin ich nur in dieser Situation gelandet? Nur wegen ihm!

FUCK!

© Lucie Roller

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