Die Autorenwerkstatt unterwegs: Ein Schreibausflug in die Augustenstraße

Neulich am Samstagvormittag in der Augustenstraße: Eine Gruppe von Leuten zieht durch die Maxvorstadt. Jeder für sich, erkunden sie Läden und Cafés, mustern Passanten, blicken hoch auf Häuserfassaden oder runter auf den Gehsteig, schnappen Gerüche, Geräusche und Gesprächsfetzen auf, fotografieren kuriose Schilder und Gegenstände. Ausgerüstet mit Stift und Papier, notieren sie alles, was interessant wirkt.

agustenstraße

Wer diese Leute sind? Die Mitglieder der IJB-Werkstatt für junge Autorinnen und Autoren während eines Schreibausflugs oder man könnte auch sagen: Schreibende auf Schatzsuche. Denn hier in der Augustenstraße lassen sich Schauplätze für Geschichten finden, es gibt Leute, die zu einer witzigen Nebenfigur in einer Erzählung werden können, außerdem jede Menge Requisiten und Anregungen.

Und was dabei herauskam? Hier zwei Beispiele zum Nachlesen.

Jo's Eck

Alina Kordick: Jo’s Eck

Die Tür ist grau und aus Glas. Wenn sie davorsteht, sieht sie sich selbst wie in einem Spiegel, ihre Jacke mit den roten Punkten und die Häuserwand hinter ihr und das blaue Auto auf der anderen Straßenseite. Frau Holle läuft auf dem Bürgersteig daneben, zumindest sieht sie so aus, wie sie sich Frau Holle vorstellt, wenn Noah ihr am Abend aus dem alten Märchenbuch vorliest und die Seiten rascheln und sie Frau Holle gemeinsam besuchen. Dann schwebt Noahs Stimme durch den Raum und trägt die Worte zur ihr und sie kann die Augen schließen, weil sie weiß, dass er da ist. Seit Noah weg ist, hat sie Alpträume.

Auf einem der Balkone hinter ihr steht ein Skelett mit Brille und starrt auf sie hinunter. Sie streckt ihm die Zunge heraus. Über der Tür hängt ein grünes Schild, das nicht pfefferminzgrün ist und auch nicht farngrün, eher so grün wie ein Eichenblatt im Frühling, wenn die Sonne darauf scheint und es ein wenig durchscheinend wird. Am Rand geht die Farbe bereits ab. Jo’s Service Eck, hat Noah vorgelesen, als er sie von der Schule abholte, weil ihre Mutter keine Zeit dafür hatte, und sie vor der Spiegeltür saßen und Butterbrezen aßen. Dabei dachte sich Noah Geschichten aus über die Leute, die vorbeigingen, über den buddhistischen Mönch in seinem Sonnenaufgangsgewand, über das Model aus Paris und die ganz in Weiß gekleidete Frau, die früher einmal ein Stern gewesen und auf die Erde gefallen ist.

Ein Mann steigt in das blaue Auto hinter ihr, und als es aus der Spiegeltür rollt, drückt sie die Tür auf. Sie will noch nicht nach Hause gehen, weil es dort so still ist, seit Noah nicht mehr da ist, also ist sie hierher gekommen, um Jo zu besuchen.

Hallo Jo, sagt sie und ihre Stimme verklingt. Jo ist ein Geist und meistens sehr schweigsam, aber wenn sie mit ihm redet, wirbelt er manchmal ein wenig Staub auf oder raschelt mit den Plastikplanen, die überall hinter der Tür herumliegen.

Bei Jo ist es still, aber nicht so hektisch still wie bei ihrer Mutter, denn das klingt, als würde sie nicht atmen, sondern seufzen bei jedem Atemzug, wenn sie am Küchentisch vor ihrem Laptop sitzt und auf die Tastatur einhackt. Ihre Mutter saugt ihre Worte in sich auf, bis sie nicht mehr sprechen kann. Bei Jo ist die Stille nicht laut und sie kann denken und mit ihm reden, während sie auf dem Betonboden liegt und an die Decke schaut.

Dorthin hat sie die Postkarten geklebt, die Noah ihr aus der Welt schickt. Am Anfang jeden dritten Tag eine, dann jede Woche, inzwischen alle vier. Sie nimmt die Stehleiter, die neben den Farbeimern an der Wand lehnt, und zieht sie auf. Das Metall quietscht. Heute hat sie eine Postkarte aus Neuseeland bekommen. Von Noah und Jana, steht auf der Rückseite, mehr nicht. Sie weiß nicht, wer Jana ist. Sie mag sie nicht.

Ich auch nicht, sagt Jo, indem er leise pfeift wie der Wind. Trotzdem klebt sie die Postkarte zu den anderen und legt sich dann unter sie. Der Betonboden ist kalt an ihrem Rücken und die Kälte sticht.

Jo wohnt schon lange dort und manchmal ist er auch unterwegs, aber heute lässt er den Staub im Raum tanzen und sie muss niesen, als sie lacht. Gesundheit, sagt Jo. Wenn er sichtbar wäre, dann hätte er einen Bart, so einen, der in zwei Zacken vom Kinn absteht, und er würde einen roten Hut tragen, Hosenträger und Stiefel, schwarz lackierte, die er aber von oben nicht sehen könnte, weil sein Bauch im Weg wäre. Früher sind die Leute zu ihm gekommen, nicht nur um Ersatzschlüssel anfertigen zu lassen, Schrauben zu kaufen, Garn oder Bonbons, weil er alles da hatte in seinen Regalen, was auch immer sie brauchten, sondern sie kamen, um mit ihm zu reden, denn Jo hörte zu.

Jetzt sind die Regale leer und Jo ist immer noch da. Sie will nicht mehr reden, nur ein wenig schlafen, doch sie kann ihre Augen nicht schließen. Weil da das Schwarz ist und die Schattengestalten, die sie noch nicht genau erkennen kann, erst wenn sie träumt, und dann bekommt sie Angst. Sie braucht Noah, aber Noah braucht die Welt. Das hat er so gesagt, am Flughafen, als sie ihn ein letztes Mal fest drückte. Doch bevor sie ihm sagen konnte, dass das nicht nach ihm klang, war er schon gegangen, mit seinem Rucksack, der fast so groß ist wie sie und in dem sie keinen Platz hatte.

Ich bin da, sagt Jo und sie lächelt leicht, auch wenn es nicht ganz reicht.

 

Magdalena Siebers: Augustenstraßen-Dialog

 Siehst du das Mädchen da?

Welches Mädchen? Hier sind tausend.

Das Mädchen, da vorne, an der Bar. Braune Haare, rote Jacke.

Welche Bar überhaupt?

Na, die Bar in der Augustenstraße. Nummer 15. Sieh doch mal hin.

Ach, das Mädchen. Das mit der roten Jacke?

Ja, genau die.

Und was ist mit der? Wer ist das?

Das ist unsere Protagonistin. Um sie geht’s.

Ah, um die geht’s heute also. Und wie heißt die? Mit wem ist sie da?

Weiß keiner. Sie ist allein.

Wie, allein? Wer geht denn allein in ne Bar?

Na, sie ist allein. Allein allein.

Oh. Ach das allein meinst du. Ist ja herzzerreißend. Und wo kommt sie her?

Vom Bahnhof.

Vom Bahnhof. Ich meine davor?

Von überall. Weiß keiner.

Nicht mal wir?

Nee, nicht mal wir.

Und was hat sie da gemacht am Bahnhof?

Gewartet. Auf irgendjemand. Aber der ist nicht gekommen.
Da hab ich sie entdeckt.

Oh, verstehe. Ist ja herzzerreißend. Und dann ist sie allein in die Bar?
Ist ja ne komische Idee.

Sie ist halt irgendwo eingestiegen. Und irgendwo wieder raus, als sie den Kontrolleur gesehen hat. Und dann ist sie hier hängengeblieben. Der Barkeeper hat ihr was ausgegeben, weil sie so traurig aussah.

Ach der, alter Casanova.
Hä? Wo ist sie denn jetzt hin? Ist sie gegangen?

Mhm. Nein da, ich seh sie, draußen, beim Rauchen.

Ja, das war ja klar. Aber was wollen wir jetzt mit ihr?

Wir müssen was unternehmen.

Warum das denn? Wir haben schon Arbeit gehabt heute.
Dein Eifer quillt dir langsam schon aus den Ohren raus.

Sie ist traurig, das siehst du doch. Komm, wir schicken ihr jemanden.

Du meinst wohl  ich? Ich schicke ihr jemanden. Das war ja wieder klar.
Nur Arbeit hat man mit dir. Und wen bitte? Den Barkeeper etwa?

Den kann ich auch nicht ausstehen. Der bricht ihr wahrscheinlich noch das Herz.
Aber  schau mal,  der da.

Der? Nee, was soll sie denn mit so einem? Die ist doch viel zu hübsch für den.

Ah, du magst sie also. Aber du kannst nicht gehen, so was machen wir nicht mehr, haben wir doch letztens ausgemacht. Komm, schnell, sonst ist er weg.

Na gut, ich machs. Aber nur wegen ihr. Und das nächste Mal, da bestimm ich.

© bei den Autorinnen

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