Die Autorenwerkstatt stellt sich Übersetzungsrätseln

Jeder in der Autorenwerkstatt der Internationalen Jugendbibliothek hat eine individuelle Stimme. Claras Texte sind blau, das ist so eine Stimmung beim Lesen, und sie schreibt allermeist auf Englisch.

Meerblau BS 2

© Beate Schäfer

Grund genug für die Runde junger Autorinnen und Autoren, sich näher mit dem literarischen Übersetzen zu befassen – als der vielleicht genauesten Art des Lesens und Hinhörens auf die Klangfarbe eines Textes.

Einige aus der Runde haben SIREN’S SONG, einen kurzen Erzähltext von Clara, auf ihre je eigene Art ins Deutsche übertragen. Gemeinsam haben wir über die verschiedenen Versionen gestaunt – manche näher, manche ferner, jede in ihrer eigenen Qualität und Stimme – und haben Lösungen abgewogen. Das englische Wort „mind“ zum Beispiel ist kaum ohne Verluste ins Deutsche zu bringen. Was spricht, hier in der Geschichte von Claras, für „Geist“ und was für „Seele“? Wie könnte es noch heißen?

Einen kleinen Einblick in diese Arbeit geben die beiden hier vorgestellten Texte: Claras englisches Original und die Übersetzung von Athena.

Clara Schwan: SIREN’S SONG

All those voices around me, they held me, I was trapped in this pink haze of conversation, laugher and the thick smell of perfume. As most of the people on this ship, I held a glass of champagne in my hand, but instead of talking I leaned against the railing, and stared into the deep blue salty water, a cold wind hit my face, breathing in, I closed my eyes. The ocean’s smell filled my mouth and lungs; it felt so good, like the first time breathing after holding your breath for a while. I lost myself and dropped my glass, it burst into pieces on the wooden floor, and within seconds I had everyone’s attention, smiling I leaned back, opened my eyes once more to look at the man who had brought me here, and then let myself fall into the frigid water, it instantly soaked my clothes and hair, filled my ears and lungs. The water suppressed the sound, but still I could hear the screaming people on the ship, and below me, a song, a faint melody, drawing me in, pulling me down into its deep blue arms. I screamed, one last time, to leave all my worries and all my anger here, I went on until I ran out of oxygen. Then there was silence, even the song had stopped for a moment, that’s when I realized, this would be my end – I won’t ever get back to that ship, talk to those people again, get another chance in life. The song went on, and I closed my eyes, let myself fall, embraced the water, and sacrificed my limp body, so my mind could live a life within the water.

Meerblau BS

© Beate Schäfer

Clara Schwan: DIE MELODIE DES MEERES

Übersetzt von Athena Tsakoumagos

So viele Stimmen um mich herum, sie hielten mich fest. Ich war gefangen in dieser pinken Wolke aus Gerede, Gelächter und dem schweren Geruch von Parfüm.

Wie die meisten Leute auf diesem Schiff hielt ich ein Glas Champagner in meiner Hand. Aber statt mich mit irgendwem zu unterhalten, stand ich gegen die Reling gelehnt und starrte in das tiefblaue salzige Wasser. Ein kalter Windstoß fuhr in mein Gesicht. Ich atmete ein und schloss die Augen. Der Geruch des Meeres füllte meinen Mund und meine Lunge; das war ein gutes Gefühl, wie das erste Mal Einatmen, nachdem man lange die Luft angehalten hat.

Ich verlor mich darin und ließ mein Glas fallen, auf dem hölzernen Boden splitterte es in tausend kleine Scherben, und innerhalb einer Sekunde war ich der Mittelpunkt von allem. Lächelnd lehnte ich mich zurück, öffnete die Augen wieder, um noch einmal den Mann zu mustern, der mich hierher gebracht hatte, und ließ mich dann rückwärts in das eiskalte Wasser fallen.

Sofort durchtränkte es meine Kleidung und Haare, füllte es meine Ohren und Lungen. Das Wasser dämpfte die Geräusche, aber ich konnte immer noch die schreienden Menschen auf dem Schiff hören, und unter mir ein Lied, eine leise Melodie, sie rief mich, sie zog mich in ihre dunklen blauen Arme. Ich schrie, ein letztes Mal, und ließ all meine Sorgen und all meinen Ärger hier zurück. Ich schrie, bis in meinen Lungen keine Luft mehr übrig war.

Dann war es still. Sogar die Melodie hatte für eine Sekunde aufgehört. In diesem Moment verstand ich, dass das hier mein Ende sein würde – niemals mehr würde ich zurück zu dem Schiff kommen, mit diesen Leuten sprechen, eine zweite Chance im Leben bekommen.

Die Melodie spielte wieder, und ich schloss die Augen. Ich ließ mich sinken, wurde eins mit dem Wasser und opferte meinen schlaffen Körper, sodass mein Geist in diesem Meer weiterleben würde.

© für die Texte bei den Autorinnen

 

 

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